Rosso und die Feuerwehrleute

Wo ist Rosso?
Gestern Abend. Ich sitze auf dem Sofa und schaue einen Film über Wolfgang Schäuble an. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass es kurz vor 21:00 Uhr ist. Und ein Blick auf den Sessel vor mir sagt mir, dass er leer ist. Kein Rosso drauf. Wo steckt der kleine Kerl? Zum letzten Mal bewusst wahrgenommen habe ich ihn vor über einer Stunde; da ist er raus, auf die Terrasse. Ob er wieder reingekommen ist, weiß ist nicht, denn von der Terrasse aus kann man über zwei Türen in die Wohnung gelangen.

Also stehe ich auf und suche meinen roten Racker. Im Arbeitszimmer ist er nicht. Ich gehe ins Schlafzimmer. Schaue unters Bett und in alle Winkel. Kein Kater!

Strawanzt der rote Racker etwa seit einer Stunde auf dem Dach rum? Ungewöhnlich!

Ich hole die Taschenlampe, gehe auf die Terrasse und leuchte aufs Dach. Nichts zu sehen von Rosso. Ich rufe. Keine Reaktion. Ich pfeife. Keine Reaktion.

Mit der Taschenlampe in der Hand gehe ich nach unten in den Hof. Gehe ums Haus rum, um auf die andere Dachseite zu schauen.

Rosso ist im Schneefanggitter verhakt
Plötzlich ein Miauen. Ich leuchte mit der Taschenlampe aufs Dach – und sehe zwei gelbe Augen aufglühen.

Rosso! Er hockt beim Schneefanggitter und miaut.

“Komm her, Rosso”, rufe ich. Er bewegt sich nicht, miaut nur. Ich gehe ein paar Meter weg, raus aus seinem Sichtfeld, weil ich hoffe, dass er sich dann auf die Socken macht und übers Dach auf die andere Seite tippelt – zu meiner Wohnung.

Ich gehe wieder zurück, leuchte aufs Dach. Rosso hockt nach wie reglos am Schneefanggitter – und miaut kläglich. Da muss was passiert sein, wieso bewegt er sich nicht von diesem Gitter weg? Irgendwie scheint er dort festgeklemmt oder verhakt zu sein.

Ich klingle bei den Nachbarn, von deren Ost-Balkon ich besser aufs Dach schauen kann.

Das Dach ist zu hoch, ich kann nicht draufschauen. Ich hole einen Stuhl, stelle mich drauf und schaue aufs Dach – jetzt von der östlichen Seite. Rosso hockt nach wie vor am Schneefanggitter – und miaut. Er ist ganz offensichtlich festgeklemmt. Wie und und mit welchem Körperteil, kann ich aus der meterweiten Entfernung nicht ausmachen.

Hysterische Nachbarin
Derweil fängt meine Nachbarin an, hysterisch zu brüllen, ich solle nicht aufs Dach steigen.

“Ich steige nicht aufs Dach”, will ich sie beruhigen, “ich schaue nur, was da los ist.”

Das interessiert die Nachbarin nicht. Sie brüllt weiter: “Kommt von dem Stuhl runter, das ist MEINE Wohnung.”

Ich mache mir große Sorgen um meinen Kater und sage: “Das ist MEIN Kater, und er ist eingeklemmt. Ich muss da irgendwie hin, am besten vom Garten aus hochsteigen. Könnt ihr mir eure Leiter leihen?” (Der Dachanfang inkl. Schneefanggitter ist nur ungefähr 3 Meter vom Erdboden entfernt. Eine lange Leiter könnte mir helfen, den Kater zu befreien.)

“Nein, die Leiter kriegst du auf keinen Fall. Es ist dunkel!”

Prima Argument! Und dass es dunkel ist, habe ich auch schon mitgekriegt …

Also, was tun?

Ich ruf den Hausmeister an. Der hat keine Zeit. (Ich vermute, er hat keine Lust.)

Anruf beim Feuerwehr-Notruf
Also wähle ich die Notrufnummer der Feuerwehr.

Der freundliche Mann am anderen Ende der Leitung sagt mir, dass er die Meldung umgehend weiterleiten werde und bald jemand käme.

Ich gehe wieder zur Westseite des Hauses, leuchte aufs Dach – Rosso hockt nach wie vor am Schneefanggitter. Und miaut.

Ich gehe wieder rauf in die Wohnung und rufe die Tierärztin an. Es ist mittlerweile kurz nach halbzehn. Gott sei Dank geht sie ran, und ich sage ihr, was passiert ist und dass Rosso vermutlich verletzt ist. Ob ich nach der Rettung durch die Feuerwehr mit ihm in die Praxis kommen könne.

Ja, sagt sie. Und falls er nicht verletzt sei, solle ich auch anrufen, damit sie schlafen gehen könne. Ich verspreche es und gehe wieder nach unten.

Rosso hockt an Ort und Stelle und miaut.

Die Feuerwehr kommt
Ich stehe in der dunklen Nacht und sehe plötzlich in der Ferne blaues Licht blinken. Die Feuerwehr ist bereits im Anmarsch. Hat keine Viertelstunde gedauert!

Die zwei Männer schauen sich die Sachlage an, und derweil kommt noch ein zweiter Einsatzwagen. Ungefähr 8 Männer und eine Frau wuseln nun durch Hof und Garten, schleppen eine Leiter herbei und leuchten mit einem gleißend hellen Scheinwerfer aufs Dach. Rosso hockt nach wie vor am Schneefanggitter.

Ich gehe in den Keller, um den Katzenkorb zu holen.

Die Feuerwehrmänner schauen, wie und wo sie am besten die Leiter platzieren. Rosso hockt nach wie vor am Schneefanggitter, miaut aber nicht mehr. Vermutlich ist er von Panik übermannt. Mein Superangsthäschen, das vor jedem fremden Geräusch und jedem fremden Menschen flieht – hockt mitten im grellen Scheinwerferlicht und sieht sich umzingelt von fremden Menschen. Was für eine Stress-Situation. Normalerweise wäre längst über alle Berge, jetzt kann er aber nicht fliehen, weil er aus irgendeinem Grund festgeklemmt ist.

Rosso reißt sich los
Ein Feuerwehrmann lehnt die Leiter ans Dach, ein anderer steigt rauf – Katzenkorb in der Hand.

Da, oh Gott, was ist das denn? In seiner Panik hat Rosso sich losgerissen und versucht, das Dach raufzuhumpeln. Er kommt aber nicht weit, sondern rutscht auf dem Popo nach unten, wo er wieder am Schneefanggitter landet.

Jetzt müsste der Feuerwahrmann blitzschnell zugreifen, macht er aber nicht, sondern ist mit dem Korb beschäftigt, den er irgendwie befestigen möchte, um die Hände frei zu haben, um den Kater zu fangen.

Rosso versucht ein zweites Mal nach oben zu humpeln, kommt wieder nicht weit, rutscht wieder runter – und humpelt jetzt in Richtung Dachende auf der Westseite – dorthin, wo ich stehe. Unten im Garten natürlich, nicht am Dach.

Mein Gott, jetzt Rosso hockt im Dachwinkel, steckt vor lauter Verzweiflung seinen Kopf in das Abflussrohr der Dachrinne, und ich befürchte schon, dass er dort stecken bleibt.

Rosso zieht seinen Kopf wieder aus, rennt panisch hin und her, denn nun schleppen die Feuerwehrleute eine zweite Leiter herbei, um an der neuen Stelle Rosso greifen zu können.

Rosso fällt vom Dach
Die Leiter steht noch nicht am Dach, als der verzweifelt hin und her hastende Rosso abrutscht, über die Dachrinne rutscht, sich mit der linken Pfote einen Sekundenbruchteil an der Dachrinne festhält – und dann runterfällt. Oh Gott!

Ich will sehen, wo er gelandet ist und ob er sich verletzt hat, komme aber nicht dazu, denn wie ein geölter Blitz rast Rosso an mir vorbei, in Richtung Hof. Ach du liebe Güte … flüchtet er jetzt in den Nachbargarten?

Ich renne in den Hof und sehe, dass ich die Haustür offen gelassen habe. Ein Hoffnungsschimmer – vielleicht ist er ja nicht in den Nachbargarten geflüchtet, sondern ins Haus rein und die Treppe hoch.

Ich renne auch ins Haus, renne die Treppe hoch – und was sehe ich? Rosso hockt vor der Wohnungstür. Ein riesiger Stein fällt mir vom Herzen.

Ich packe mein Angsthäschen beim Schlafittchen, trage es in die Wohnung und ins Badezimmer. Gehe raus und verschließe die Badezimmertür.

Blutspuren im Flur

Dann gehe ich runter, um den Katzenkorb bei den Feuerwehrleuten abzuholen, denn jetzt muss Rosso zur Tierärztin. Die Treppe im Flur ist voller Blutflecken …

Ich bedanke mich bei den Feuerwehrleuten und haste mit Katzenkorb wieder nach oben. Dort hockt Rosso in der Badewanne und zittert. Fliesen und Badewanne sind blutverschmiert.

Ein Blick auf Rossos Pfote sagt mir, dass sie die Ursache für das viele Blut ist. Genauer schaue ich nicht hin, könnte aber sein, dass eine Zehe fehlt.

10 Minuten später bin ich bei der Tierärztin, mittlerweile ist 22:00 Uhr.

Rossos Zehen sind alle vorhanden, aber an der rechten Hinterpfote hat er sich zwei Krallen rausgerissen. Was muss das wehgetan haben! Doch vermutlich hat er in seiner Panik nichts gespürt. Ein Adrenalinschub übertüncht die Schmerzen.

Rosso wird versorgt
Die Tierärztin (Tanja Lücke, die ich über alle Maßen schätze) steckt Rossos lädiertes Pfötchen in ein Fußbad. Er lässt es ohne Widerstand geschehen und macht es sich auf dem Behandlungstisch bequem. Auf einem Frotteetuch. Vermutlich erinnert er sich an Frau Lücke … wir waren schon öfter bei ihr.

Rosso bekommt eine Traumel-Spritze, für eine bessere Wundheilung. Auf die Gabe von Antibiotikum erzichtet Frau Lücke. Das finde ich sehr gut, denn Rosso bekommt ja immer noch Tabletten zum Aufbau seiner Immunabwehr. Da wäre ein Antibiotikum definitiv kontraproduktiv!

Seine verletzten Zehen werden mit einem Lasergerät behandelt, damit sich die Blutgefäße schließen, zum Schluss sprüht Frau Lücke noch ein Spezialspray zur Desinfektion darauf, und übergibt mir ein paar Traumel-Tabletten und eine Schmerztablette für den nächsten Tag – falls er dann noch sichtbar Schmerzen haben sollte.

Um elf Uhr sind Rosso und ich wieder Zuhause. Dort schaue ich mir zum ersten Mal sein Pfötchen genauer an. Wie Katzenzehen mit rausgerissenen Krallen aussehen, weiß ich nur allzu gut, weil Moritz sich 4 Mal eine Kralle rausgerissen hatte.

Rossos Zehen sehen relativ gut aus. Blutverkrustet, aber nicht arg schlimm. Die Blutung ist auch gestoppt.

Ich setze mich aufs Sofa und beruhige mich erstmal mit einem Film. Nach einer Weile kommt Rosso und legt sich auf meine Oberschenkel. Er schnurrt, und ich streichle sein Bäuchlein.

Ruhe nach dem Sturm
Um halbzwei gehen wir schlafen. Ich liege unter der Bettdecke, Rosso auf “seiner” Wolldecke. Ich habe sie extra für ihn hingelegt. Sie ist sein Bett auf meinem Bett. Alles muss schließlich seine Ordnung haben!

Bevor ich das Licht lösche, streichle ich sein Köpfchen und sein Bäuchlein.

Ich liege im Dunkeln und atme tief durch. Wir haben Glück gehabt, denn die Sache hätte weitaus schlimmer ausgehen können!

PS: Den Feuerwehreinsatz muss ich nicht bezahlen, weil in Bayern lt. Gesetz die Rettung/Bergung von Tieren durch die Feuerwehr nichts kostet. Aus diesem Grund habe ich darum gebeten, mir die Kontodaten der Freiwilligen Feuerwehr Schondorf zu mailen.

Die Kontonummer habe ich heute bekommen und habe gleich eine Spende an die Feuerwehr überwiesen.

An dieser Stelle danke ich den Schondorfer Feuerwehrleuten ganz herzlich für ihren engagierten Einsatz. Und ein großes Danke geht auch an Frau Lücke, der Frau für alle Felle!

Hier noch eine Skizze vom Dach und dem Ablauf gestern Nacht.

Und hier noch das Corpus Delicti:

13 Kommentare

  1. lakritzeundco

    Ach du lieber Gott. das ist ja der pure Horror für euch beide gewesen. Ein Glück, dass es nicht schlimmer ausgegangen ist. Gute Besserung lieber Rosso

  2. Ja, das war wirklich Horror. Vor allem für meinen roten Racker. Was muss der für Ängste durchgestanden haben. Reißt sich los vor Verzweiflung und reißt dabei zwei Krallen raus!

  3. oh Renate, erst der Streß mit den Handwerkern über Wochen und jetzt das. Rosso ist aber auch ein armer Kater. Von uns Vieren ganz viele liebe Genesungswünsche. Man darf garnicht darüber nachdenken…
    Maxel hat die ganze Renoviererei auch nicht so gut weggesteckt, früher war er viel mutiger, jetzt lauscht er oft auf Geräusche von drausen und läßt teilweise sogar seinen Futternapf stehen, um erstmal zu hören was so abläuft. Lady ist gottseidank mittlerweile richtig tiefenentspannt, wo sie doch früher immer bei Ungewohntem (Besuch klingelt, der Postbote kommt etc.) sofort unterm Bett verschwand.

  4. Liebe Frau Blaes,
    danke für die “ultimative Lobhudelei” aber ich mache nur meinen Job…
    LG nach Schondorf und schön, dass es Rosso wieder besser geht!

    • Nein, das stimmt nicht, liebe Frau Lücke! Sie machen nicht nur Ihren Job. Ich habe in über 35 Jahren etliche Tierärzte kennengelernt und habe demzufolge viele Vergleiche …

      Sie machen Ihren Job mit viel Empathie für Tier + dem dazugehörigen Menschen. Und genau das schätze ich so an Ihnen.

  5. Katz herr je, bei euch ist ja ein Drama abgegangen 😯 Zum Glück ist alles gut angepfotelt. Uns ist ein Stein vom Herzen gefallen. Zum Glück war er später wieder kuschelig. Wir drücken alle Pfötchen, dass alles schnell wieder heilt. Und Rosso, mach so was bitte nicht wieder.
    Schnurrer Engel und Teufel

  6. Oh Renate, das war ja ein Krimi! Ich bin von den Socken… was habt ihr da ausgestanden. Was ein Glüxk, dass Rosso das glimpflich überstanden hat. Was bin ich froh! Gott sei Dank für die Feuerwehr. Es rmtur gut zu wissen, dass einem jemand helfen kann in so einer Situation…
    Ganz liebe Grüße!
    Doris

  7. Hallo Ihr alle,
    gute Nachrichten: Die verletzte Pfote heilt ganz prima! Er rennt wieder wie ein Wiesel durch die Wohnung. Auf dem Dach war er bislang nicht mehr – ist mir auch recht.
    Liebe Wochenendgrüße – Renate

  8. Da habt ihr Beide ja einen stressigen und sehr unangenehmen Tag gehabt. Das ist ja
    erfreulich, dass du für den Einsatz der Feuerwehr nichts bezahlen musst. Wie soll man
    denn auch manche Tiere retten? Sie bringen sich ja, manchmal, wie im Falle von Rosso gesehen, in sehr gefährliche oder ausweglose Lagen.
    Schön, dass seine Pfote gut verheilt und der süße Kerl wieder zu Ruhe kommt.
    Hoffentlich bleibt das Dach für ihn erstmal tabu.
    Ich habe festgestellt, das mein Kommentar zu deinem vorherigen Beitrag nicht erschienen
    ist.

    Liebe Grüße von
    Elke und Lea

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