Kater Moritz hat Probleme

katzenbuch

Ich bin der Moritz und momentan im besten Alter, sozusagen. Zur Welt kam ich bei einer netten Familie mit vier Kindern, war also schon von klein auf damit vertraut, gestreichelt, allerdings aber auch ein bisschen geärgert zu werden.
Als ich drei Monate alt war, holte meine heutige Familie mich zu sich nach Hause. Die ersten Tage waren schon etwas komisch, alles war neu, Mama und meine Geschwister fehlten mir, die neue Umgebung musste ich kennenlernen, offen gestanden fühlte ich mich ziemlich einsam. Mein erstes Erlebnis mit Thomas (das ist der zweitwichtigste Mann im Haus!) war auch nicht so toll. Ich saß auf seinem Schoß und dann passierte es, ich musste mal, weil ich doch so aufgeregt war, und schon war seine Hose nass. Na, das fing ja gut an, aber erfreulicherweise hat mir das keiner übelgenommen.
Wider Erwarten habe ich mich dann schnell eingelebt, doch die ersten Probleme traten kurze Zeit später auf. Ich hatte Würmer, nahm kaum zu und war insgesamt nicht gerade robust. Trotz mehrerer Behandlungen wurde ich die ollen Würmer nicht los. Als ich dann ein Jahr alt war, wurde ich so richtig krank und lag ein paar Tage ziemlich schlapp im Körbchen. Die Tierärztin wusste auch nicht so recht weiter. Doch wie durch ein Wunder ging es aber plötzlich aufwärts mit mir, von da an war ich wie ausgewechselt und wurde topfit. Das Leben konnte beginnen – Katzendamen, wo seid ihr? Doch schwupps, und ich saß schon wieder bei der Tierärztin. Danach war ich nicht mehr der Alte und hatte mit den Damen nichts mehr am Hut. Das ist mir heute aber egal, da brauch ich mich wenigstens nicht immer mit üblen Konkurrenten um die Weiber zu prügeln.
Im Sommer bin ich fast immer draußen, im Winter verbringe ich die Tage lieber drinnen, in der Wärme. Nachts gehe ich vorzugsweise auf Jagd, da krabbeln nämlich die kleinen süßen Mäuschen aus ihren Löchern.
Meine „eigentliche“ Wohnung befindet sich in der Garage, und durch die Katzenklappe kann ich da rein und raus, wann ich will. Dort ist mein Futternapf und ein warmes Plätzchen zum schlafen. Ins Haus darf ich zwar auch, aber blöderweise gibt‘s dort keine Katzenklappe, ich bin also vom guten Willen meiner Familie abhängig. Aber die hab ich mittlerweile ganz gut im Griff, weshalb ich die Drei – im Vertrauen gesagt – eigentlich als mein Personal bezeichne. Im Großen und Ganzen geht es mir prima, und die kleinen Herausforderungen des Lebens löse ich im Pfotenumdrehen, wie in der folgenden Geschichte.
Wie komme ich ohne zu klingeln ins Haus rein?
Ich dachte scharf nach. Ja, ich muss ganz einfach auf mich aufmerksam machen. Also, Showtime – ab geht die Post. Ich tat so, als wolle ich einen Vogel fangen. Sprang hoch in die Luft, wälzte mich im Gras, kletterte auf die Schaukel, sprang wieder runter. Rannte hin, rannte her, schlug Purzelbäume – das volle Programm hab ich durchgezogen. Und was war am Ende? Nichts! Keine Bewunderung, kein Applaus, erst recht keine offene Tür. Ich war ziemlich sauer! Aber wozu habe ich eine Stimme? Ich peilte noch einmal die Lage und schaute durch die Scheibe der Haustür. Niemand zu sehen. Also los, tief Luftholen und ein trauriges aber sehr lautes Miau ausstoßen. Gedacht, getan – null Reaktion! Das Ganze noch mal. Wieder nichts. Sind die denn taub? In schnellem Trab und mit wieder sehr lautem Miauen ging’s jetzt rund ums Haus. Wieder keine Reaktion von drinnen.
Nun legte ich mich erst mal in die Sonne und ließ mir alles in Ruhe durch den Kopf gehen. Ich hatte gewartet, eine Show abgezogen, meine Stimme eingesetzt, und das alles umsonst. Ich warte doch nicht immer draußen, bis die Herrschaften mich rein rufen. Schließlich bin ich ein ausgewachsener Kater und treffe wichtige Entscheidungen selbst. Aber nach wie vor stellte sich die Frage, wie ich ins Haus rein komme. Da war guter Rat teuer. Doch dann kam mir plötzlich eine Idee. Ich sprang auf, rannte wieder zur Haustür, stellte mich auf die Hinterpfoten und trommelte mit den Vorderpfoten an die Scheibe, so laut ich konnte. Und zu meiner eigenen Überraschung konnte ich sehr laut trommeln (vielleicht war ich in einem früheren Leben mal Schlagzeuger). Und dann geschah es. Einen Moment später machte Karin – meine Hausdame – die Tür auf. So einfach sollte die Lösung gewesen sein? Es schien so. Denn über die folgenden Jahre hat sich dieses Verfahren als sehr wirkungsvoll erwiesen. Das erste Problem war damit gelöst, aber es gab ja noch andere. Eines davon war ein schwerwiegendes Kommunikationsproblem in punkto Mittagessen.
Der Kampf ums Mittagessen
Es wird wohl jedem klar sein, dass ein Kater wie ich viel Nahrung zu sich nehmen muss. Wo soll sonst die ganze Kraft herkommen? Inzwischen habe ich alle möglichen Futtersorten probiert und weiß, was mir schmeckt. Mäuse fange ich mir natürlich selber, aber immer nur Maus auf dem Speisezettel ist langweilig, außerdem gibt’s auch Besseres. Aber ich hätte nie gedacht, wie lange es dauert, bis mein Personal das begriffen hat. Ich erkläre das an einem Beispiel: die Nacht war hart und lang, der Morgen graute, und ich wurde allmählich müde. Noch schnell ein Mäuschen als Betthupferl, dann rein ins Haus (mit dem üblichen Getrommel natürlich) und ab ins Körbchen. Dort träumte ich süß, bis mich das Geräusch klappernder Teller weckte. Es gibt Geräusche, die überhöre ich selbst im Tiefschlaf nicht, Tellerklappern gehört dazu.
Ich rannte in die Küche, wo es nach Brathähnchen roch. Der Backofen leuchtete, und in seinem Innern brutzelte tatsächlich ein nacktes Federviech. Habe ich schon gesagt, dass ich Brathähnchen liebe?! Demonstrativ platzierte ich mich vor die Scheibe. Es wird ja wohl jeder verstehen, dass ich gewisse Ansprüche an den Inhalt des Ofens anmeldete. Doch genau hier begannen die Probleme.
„Moritz, musst du dich denn mitten in den Weg setzen?“
Karin packte mich und beförderte mich weg vom Ofen. Na gut, dann setze ich mich eben auf den Stuhl. Da hab ich eh den besseren Überblick.
„Was willst du denn”, fragte Karin, “willst du raus?“
Blöde Frage, warum saß ich wohl auf dem Stuhl? Da stand wieder ein harter Kampf ums Mittagessen bevor …
„Draußen hast du dein Futter, dort ist alles, was du brauchst.“
Das stimmte natürlich, aber hier gab‘s alles was ich wollte.
„Moritz, du nervst!“
Ruckzuck fand ich mich in meinem Körbchen wieder. Da schlägt man doch die Pfoten über dem Kopf zusammen – über soviel Ignoranz und Starrköpfigkeit. Aber das kann ich genauso gut. Lässig in mein Körbchen gekuschelt, wartete ich bis meine Zeit gekommen war und alle drei am Tisch saßen. Als es soweit war, schlich ich auf leisen Sohlen wieder in die Küche, ließ mich auf dem Boden nieder und setzte meinen traurigsten Blick auf. Keine Reaktion! Geduld ist eine meiner Tugenden, und so wartete ich Minute über Minute. Nur ab und zu blickte ich auf und bemerkte, dass die drei nervös wurden. Gleich würde ich sie weich gekocht haben – die Zeit war reif für ein klägliches Miau. Ich spürte die Blicke auf mir, setzte noch einen wehleidigen Maunzer nach, erhob mich langsam und tappte mit gesenktem Blick und hängendem Schwanz in Richtung Küchentür. Ein Bild des Elends!
Nachdem ich so wirkungsvoll an das Gewissen meiner Drei appelliert hatte, konnte der Erfolg nicht ausbleiben. Sophie (die jüngste im Personal, Lehrling sozusagen) stand schließlich auf, holte meinen Napf, füllte etwas Hähnchenfleisch hinein und stellte ihn an meinen Futterplatz. Na also, warum nicht gleich so. Manchmal glaube ich, die machen das aus reiner Lust an ihrem sadistischen Spiel. Aber irgendwie macht mir die Bettelei auch Spaß. Da werde ich richtig ernst genommen und bekomme die volle Aufmerksamkeit. Und, mal ganz ehrlich, wer von uns mag das nicht?
Ein Freund, ein guter Freund …
Nicht alles, was ich erlebe, ist mit Problemen verbunden. Manche Dinge gehen auch ganz unkompliziert vonstatten, so wie in folgender Geschichte.
Vor ungefähr einem Jahr haben wir neue Nachbarn bekommen. Dass sie ein Zwergkaninchen ihr eigen nannten, das draußen im Garten seinen Stall hatte, habe ich positiv zur Kenntnis genommen. Negativ daran war, dass ich die Stalltür partout nicht auf bekommen habe, so dass der Mümmelmann zum Verzehr nicht zu erreichen war.
nachbarkaterLetzten Herbst aber legten die Nachbarn sich einen Kater zu. Das war schon wesentlich interessanter für mich – ein Artgenosse in unmittelbarer Nähe. Enttäuschenderweise war das aber noch ein richtiger Dreikäsehoch, ein Jüngling und somit auch keine wirkliche Konkurrenz für so einen alteingesessenen Haudegen wie mich. Den ganzen Winter durfte der Neuankömmling außerdem nicht aus dem Haus, weil er noch so jung war. Ich fand das sehr schade, weil es einfacher gewesen wäre, ihm von klein auf klarzumachen, wo hier in meinem Revier der Hammer hängt. Doch jetzt ist der Dreikäsehoch ein Jahr alt und durfte vor einigen Wochen endlich das Haus verlassen, sich in der Umgebung umsehen und dem einheimischen Katzenvolk vorstellen.
Charly heißt der Halbstarke mit der drahtigen Figur. Er ist lange nicht so behäbig wie ich es bin, aber er trägt ja auch nicht so viele Pfunde mit sich rum. Jedenfalls dauerte es nicht lange und Charly besuchte mich. Er war sehr schüchtern und schaute erst einmal vorsichtig um die Ecke. Vorsichtshalber machte ich ein fürchterlich grimmiges Gesicht und verwandelte meinen schlanken Schwanz in eine riesige Flaschenbürste, nur zur Sicherheit, damit der Kerl wusste, wer hier der Herr im Hause ist. Er schien tief beeindruckt zu sein, denn geduckt schlich er sich wieder von dannen.
katzenbuchNa, so war das ja auch nicht gemeint von mir. Schnell rannte ich hinter ihm her, um ihm ein Friedensangebot zu machen. Allerdings dauerte es einige Runden ums Haus, bis Charly meine friedlichen Absichten endlich begriffen hatte und stehen blieb. Vorsichtig tappten wir aufeinander zu und beschnupperten uns ausgiebig. Charly schien mich zu mögen, und ich konnte den Burschen auch gut leiden, wie ich ehrlich zugebe. Zum Zeichen der Freundschaft tauschten wir noch einen Nasenstüber aus, dann tobten wir durch den Garten und rauften uns freundschaftlich in den Blumenbeeten. Wie die Tulpen danach aussahen, ist ein anderes Kapitel und hat mir mal wieder einen Minuspunkt bei meinem Personal eingebracht.
Seitdem ist Charly mein Freund und besucht mich täglich. Zuerst jagen wir kreuz und quer durch die Fauna, schlagen Purzelbäume und balgen uns, dass die Fellfetzen fliegen, dann klettern wir mit rasanter Geschwindigkeit auf Bäume und Sträucher, und zum Schluss vertreiben wir ungebetene Kollegen aus unserem Terrain.
katzenbuchNach derart anstrengenden Unternehmungen müssen wir dann erstmal ausruhen und Siesta auf dem Gartentisch halten. Der ist ja eigentlich tabu für uns, aber genau deshalb macht es Spaß, darauf herum zu lümmeln. Meine Hausdame meckert immer, wenn sie uns entdeckt und scheucht uns weg, und weil wir keinen Ärger wollen, verziehen wir uns unter die Büsche, wo wir Fell an Fell ein Nickerchen machen.
Alles in allem kann ich sagen, es ist sehr schön, einen Freund zu haben.
Moritz, nach Diktat mit Charly im Garten unterwegs
i. A. Thomas Borgstaedt

Die Geschichte stammt aus: Das kunterbunte Katzenbuch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.