Katzenroman

katzenroman

“Viktor und seine Freunde”, so heißt der Katzenroman, mit dem ich zur Zeit beschäftigt bin. Hier das erste Kapitel:

Unten am Bach
Diese Geschichte nahm ihren Lauf in aller Herrgottsfrühe – kurz nach Fünf. Die aufgehende Sonne färbte den Himmel am Horizont mit jenem Rosarot, das einen ungetrübten Sommertag versprach. Winzige Tautropfen schmückten Grashalme, Blumen und Spinnweben, ein laues Lüftchen spielte mit dem dichten Laub der Bäume, ein leises Raunen zog durch die Blätter, und die auf den Ästen sitzenden Vögel stimmten mit fröhlichem Gezwitscher ihr Morgenkonzert an. In dem Landstrich, von dem hier die Rede sein wird, herrschte morgendlicher Friede. Noch.
Oskar, müde von dem nächtlichen Ausflug in die Moorwiese, hatte sich vor wenigen Minuten aufs Öhrchen gelegt und schnarchte leise. Sein Bruder Leopold lag dicht neben ihm und schnarchte ebenfalls. Melodiös schnarchten beide im Duett, und Oskar träumte gerade von einem vierblättrigen Kleeblatt, als ein merkwürdiger Ton seinen Traum störte.
»Jaaaaauuu … jaauu jaaaauuuu!«
Die jämmerlichen Klänge wollten so gar nicht zum Bild der leckeren Mahlzeit passen – Oskar wachte auf. Aufmerksam lauschte er in die Dämmerung, doch bis auf das rhythmische Schnarchen seines Bruders war nichts zu hören. Na ja, ein Traum halt, dachte Oskar, schloss die Äuglein wieder, drückte sich fröstelnd an Leopolds warmes Fell und war gerade im Begriff wegzunicken, als das Geräusch erneut ertönte.
»Jaaaaauuu … jaauuu … jaaaauuuuu.«
Oskar fuhr hoch und stieß seinem Bruder unsanft das Pfötchen in die Rippen. »Leo«, rief er, »aufwachen!«
Unwillig drehte sein Bruder sich um. »Was’n los?«, murmelte er verschlafen.
»Ich weiß auch nicht, was los ist. Auf alle Fälle ist was passiert, und wie es sich anhört, nichts Gutes.«
Schwerfällig setzte Leopold sich auf. »Ich hör nix«, sagte er und gähnte.
»Sperr halt deine Lauscher auf!«
Leopold spitzte die Öhrchen und meinte nach einigen Sekunden, in denen wieder nichts als Vogelgezwitscher zu vernehmen war: »Das ist der Buchfink, diese gefiederte Nervensäge. Hat nix Besseres zu tun, als jeden Morgen um Punkt fünf das Tirilieren anzufangen. Grässliche Person … dieser Buchfink. Die Katz soll ihn holen!«
»Ich meine doch nicht den Buchfink … ich meine das andere Geräusch.«
»Was für’n anderes Geräusch denn – ich hör nur dieses nervtötende Türülü.«
»Das Türülu stammt übrigens nicht vom Buchfink, sondern von der Amsel. Aber ich rede jetzt nicht von Piepmätzen, sondern von diesem merkwürdigen Geräusch.«
Und wie von Oskar bestellt, ertönte es just in diesem Moment wieder: »Jaauuu ….. jaauuuuu …. jaaaauuuu!«
»Nie im Leben ist das ein Vogel«, rief Oskar, »aber egal, da braucht jemand unsere Hilfe, dringend! Und wir müssen hin … und zwar sofort!«
Leopold streckte die unausgeschlafenen Glieder. »Du kannst ja gern dein Helfersyndrom befriedigen«, sagte er und erhob sich ächzend vom Nachtlager. »Was mich betrifft, so kümmere ich mich erst mal um meine eigenen Belange. Du weißt doch‚ jeder ist sich selbst der Nächste, das gilt ganz besonders für die Spezies der Nager. Außerdem brauche ich erst was zwischen die Beißerchen, mit leerem Magen kann ich nicht denken.«
»Für gewisse Mäuse gibt’s wohl nichts Wichtigeres, als sich die Wampe vollzuschlagen«, brummte Oskar. »Außerdem gehört Denken so oder so nicht zu deinen Stärken …«
»Die Beleidigung überhör ich geflissentlich«, meinte Leopold und zerbiss ein Getreidekörnchen. »Und was das Futter betrifft, so gibt’s in der Tat nichts Wichtigeres. Du weißt doch … Essen hält Leib und Seele zusammen.« Er grinste.
»Quatsch keine Opern, sondern mach, dass du in die Pötte kommst!« Zielstrebig tippelte Oskar durch den Erdgang und winkte auffordernd mit dem Pfötchen. »Los, beeil dich!«
»Eile mit Weile …« Leopold knabberte noch ein Getreidekörnchen und trippelte dann seinem Bruder hinterher.
An der Erdoberfläche angekommen, kletterte Oskar auf einen Maulwurfhaufen und blickte um sich. Nichts zu sehen, nichts Ungewöhnliches zumindest. Auch zu hören war nichts Besonderes. Ein leises Rascheln von Artgenossen unter den Sträuchern da und dort, das Zwitschern der Vögel und das Summen vereinzelter Insekten – in der Ferne schlug eine Turmuhr. Oskar zuckte mit den Schultern und wollte schon umkehren, als wieder dieses Geräusch ertönte. Oskar fuhr herum und horchte mit gespitzten Ohren in alle Windrichtungen.
»Dort«, rief er aufgeregt und deutete mit der Pfote zum Südende der Wiese, »dort hinten bei der Trauerweide am Bach … dort muss was passiert sein.«
Jetzt hörte auch Leopold die kläglichen Töne. Und in der Tat, es konnte sich nicht um den Buchfink handeln, denn der flötete immer oben, im Geäst des mächtigen Ahornbaumes. Dieses Geräusch aber kam aber nicht von oben, sondern wehte mit dem Geruch von frisch gemähtem Heu flach über die Wiese.
Mit kleinen Sprüngen hüpfte Oskar den Maulwurfhaufen runter und rannte in Richtung Bach.
»Na, worauf wartest du denn noch?«, rief er seinem Bruder über die Schulter zu.
»Hektik am Morgen, bringt Kummer und Sorgen«, nörgelte Leopold, lief aber widerwillig Oskar hinterher. Er wusste, dass ihm nichts anderes übrig blieb, denn sein Bruder war bekannt für seine Hartnäckigkeit. Außerdem wollte er selbst jetzt auch wissen, was los war, und so bahnten sich die Mäusebrüder im Gleichschritt ihren Weg durchs morgentau-feuchte Gras. Wenige Minuten später waren sie bei der kleinen Trauerweide angekommen, Oskar schaute nach unten in den Bach und erfasste mit einem Blick die Sachlage: Die Schnur eines zugebundenen Sackes hatte sich im Wurzelwerk des Baumes verheddert. Die untere Hälfte des Sacks dümpelte im Wasser, die obere ruhte auf einem Sandbänkchen. Der Sack bewegte sich, ganz so, als strampelte sein Inhalt.
»Was’n da drin?«, meinte Leopold und machte ein banges Gesicht.
»Woher soll ich das denn wissen«, brummte Oskar, »bin ich Hellseher? Aber egal, was drin ist … es lebt. Vermutlich aber nicht mehr lange. Ich denke, ich sollte runter springen und der Sache auf den Grund gehen. Dem Sack, besser gesagt.«
Leopold runzelte die Stirn.
»Oskar«, sagte er und hob warnend ein Pfötchen, »du weißt doch, wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.«
»Dem Mutigen gehört die Welt«, konterte Oskar, sprang mit einem beherzten Kopfsprung in den sanft dahin plätschernden Bach, schwamm zum Sandbänkchen, tippelte ins Trockene und schüttelte sich das Wasser aus dem Pelz. Dann tappte er auf Zehenspitzen zu dem Sack, der sich immer noch bewegte.
»Hallo«, flüsterte Oskar.
Das Strampeln im Sack hörte abrupt auf, auch Oskar verharrte, den Blick starr auf den Sack geheftet. Doch nichts geschah, keine Bewegung, kein Geräusch. Vorsichtig tippte Oskar mit einem Pfötchen auf den Sack. Immer noch keine Reaktion.
»Hallo«, flüsterte er wieder und tippte noch mal auf den Sack. »Ist da wer?«
»Ja, ich« tönte es aus dem Sack.
Oskar machte vor Schreck einen Schritt rückwärts und überlegte ein paar Sekunden.
»Ich, ich … das kann ja jeder sagen. Wer oder was bist du?«
»Ich heiße Viktor.«
»Es ist mir völlig wurscht, wie du heißt«, meinte Oskar, »wer du bist, will ich wissen. Und überhaupt … wieso steckst du denn in diesem Sack?«
»Ach weißt du, mein Leben war so langweilig, da dachte ich, ich krieche in einen Sack, schnüre ihn zu und schmeiße mich in den Bach.«
Oskar runzelte die Stirn. »Häh?«
»Ja«, tönte es aus dem Sack, »kleiner Abenteuerurlaub sozusagen.«
Oskar kratzte sich am Kopf und überlegte erneut. »Kann es sein, dass du mich veräppeln willst?«, sagte er.
»So eine Unziemlichkeit käme mir nie in den Sinn« , sagte das Wesen, das sich Viktor nannte.
»Abenteuerurlaub …«, grummelte Oskar, »hab ich ja noch nie gehört. Was soll das denn sein?«
»Das erkläre ich dir sehr gern«, tönte es aus dem Sack, »aber vielleicht befreist du mich erst aus meiner misslichen Lage.”
»Leichter gesagt als getan«, brummte Oskar und schaute hilfesuchend nach oben, zu seinem Bruder. Leopold hatte es sich auf einem Grasbüschel bequem gemacht, knabberte an einem Löwenzahnblatt und guckte neugierig nach unten.
»Willst du mir nicht helfen?«, knurrte Oskar, wohlwissend, dass von Leopold keine Hilfe zu erwarten war. Sein völlig aus der Art geschlagener Bruder war nämlich wasserscheu. Das war die eine Sache. Die andere Sache war die, dass Leopold nicht nur wasserscheu, sondern auch feige war. Demzufolge mied er gefährliche Situationen, wann immer eine auch nur in Sichtweite war. Doch zumindest dachte er nach. Und weil Nachdenken ein starkes Hungergefühl bei ihm auslöste, knabberte er weiter auf dem Löwenzahnblatt herum.
»Vielleicht solltest du ein Loch in den Sack beißen«, meinte er nach einer Weile und strahlte – ganz begeistert über seinen Vorschlag.
»Super Idee! Da wäre ich im Leben nicht drauf gekommen …«, brummte Oskar, hatte aber auch keinen besseren Einfall und machte sich daran, Leopolds Vorschlag in die Tat umzusetzen. Und weil sich sein Gebiss aufgrund regelmäßiger Zahnpflege – das Kauen von Petersilienwurzeln – in bestem Zustand befand, schob sich kurze Zeit später ein rot bepelzter Katzenkopf durch den Sack.
Leopold ließ vor Schreck das Löwenzahnblatt fallen, trippelte so schnell es seine Pfötchen erlaubten, davon und machte erst nach einem Sicherheitsabstand von einem Mäusekilometer (das sind so ungefähr hundert Mäuselängen) wieder Halt.
»Na, bravo«, japste er und schnappte nach Luft. »Oskar rettet seinem zukünftigen Mörder das Leben. Wenn ich das im Club erzähle …«

Fortsetzung folgt.

2 Kommentare

  1. Lakritze & Co

    Da hat Viktor ja wirklich großes Glück gehabt. Beim letzten Satz musste Mama aber breit grinsen. Mäuse gehen also auch in einen Club? Dann muss hier unten zwischen den Häusern auch einer sein 🙂
    Wir freuen uns auf die Fortsetzung …..
    Kritzibitzilesekatze

  2. Christiane

    hast Du den nicht vor Jahren schon einmal angefangen ?? Ich würde mich freuen, wenn es jetzt damit weitergeht. Liebe, verregnete Grüße von Christiane & Co.

    PS. aber der Regen ist so notwendig, deshalb wollen wir auch garnicht darüber schimpfen :-))

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.