Immer wieder sonntags

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Kennen Sie „Murphys Gesetz“? Viel­­leicht ist Ihnen der Begriff nicht geläufig, aber was dahinter steckt, das kennen Sie bestimmt.

Bei Murphys Gesetz handelt es sich um die Widrigkeiten des Alltags. Drei Beispiele: Es regnet immer dann, wenn man sein Auto frisch gewaschen hat. Man kriegt den ganzen Tag keinen Anruf, aber sobald man unter der Dusche steht, klingelt das Telefon garantiert. Eine Scheibe Butterbrot fällt immer auf die beschmierte Seite … und so weiter. Murphys Liste ist beliebig erweiterbar, und ein zusätzlicher Punkt darauf könnte lauten: Katzen verletzen sich nur dann, wenn der Tierarzt keine Sprechstunde hat.

Unter diesem Aspekt war es natürlich Sonntag. Erschwerend kam hinzu, dass es sich nicht um einen normalen Sonntag handelte, sondern um Ostersonntag, ein Zeitpunkt, zu dem die Leute – auch Tierärzte – gern verreisen. Also, es war Ostersonntag, drei Uhr nachmittags. Frisch geduscht saß ich nach dem Joggen auf dem Sofa und wollte es mir gerade mit ein paar Käsehäppchen und einem schönen Film gemütlich machen, als Lieschen vom Strawanzen zurückkam.

Normalerweise tippelt sie in so einem Fall in die Küche, schaut nach, ob noch irgendein Rest in ihrem Futternapf liegt (dort liegt aber nie ein Rest, weil sie grundsätzlich alles bis aufs letzte Krümelchen vertilgt), dann wirft sie mir einen vorwurfsvollen Blick zu und eilt die Treppe zur Galerie hoch um dort an ihrem bevorzugten Schlafplatz (mein ehemaliger Wollkorb, den sie in ihrem Sinn umfunktioniert hat) ein Nickerchen zu machen. Normalerweise verläuft das so. Normalerweise! Aber nicht, wenn ich auf dem Sofa sitze und etwas esse. Ist das nämlich der Fall, wird das ewig hungrige Lieschen plötzlich sehr anhänglich, rennt nicht die Galerie hoch, sondern hüpft auf meinen Schoß, gibt mir herzinnigliche Nasenstüber (falsches Luder!) und schielt mit begehrlichem Blick auf meine Leckerbissen – von denen sie hin und wieder (eigentlich immer) etwas ab bekommt, vor allem, wenn es sich um Käse handelt. Lieschen ist ganz wild auf Käse! Zwar hat sie gegen Artischocken, Tomaten, Oliven (!) und Spaghetti auch nichts einzuwenden, aber Käse ist ihr ultimatives Lieblingsschmankerl.

Kaum hockte sie neben mir, entdeckte ich auch schon das Malheur: eine zwei Zentimeter lange, klaffende Wunde in ihrer Vorderpfote. Vermutlich war sie mal wieder an einem Drahtzaun hängen geblieben. Während Felix sich bei lautstarken Revierkämpfen mit seinem Lieblingsfeind regelmäßig üble Biss- und Kratzwunden zuzieht, die draufgängerische Lili, bis auf ein einziges Mal, ohne Blessuren nach Hause kommt, bleibt Lieschen immer wieder an Maschendraht­zäunen hängen. Warum das nur ihr passiert, ist mir ein Rätsel – denn alle drei streifen durch das dasselbe Revier.

Als ich mir die Verletzung näher anschaute, wusste ich sofort, die muss fachmännisch versorgt werden. Meine Tierärztin hatte mir versichert, irgendjemand aus ihrer Praxis sei immer zu erreichen, zuversichtlich griff ich also zum Telefonhörer. Ich ließ es sehr lange läuten, keiner ging ran. Schließlich meldete sich die Mailbox. Mist! Was nun? Ich rief den Tierarzt im Nachbardorf an. Anrufbeantworter! Dasselbe beim Tierarzt zwei Dörfer weiter.

Ich suchte im Telefonbuch nach einer Tierklinik und wurde fündig. Eine Stunde später lag Lieschen in Narkose und wurde versorgt. Vier kleine Fäden hielten die Wunde zusammen, ich brachte mein Kätzchen wieder nach Hause, wo ich sie in mein Arbeitszimmer sperrte, weil ich nicht wollte, dass sie in ihrem benommenen Zustand die Katzenleiter runterpurzelt – Lieschen liebt die Freiheit, und würde keine Stunde freiwillig im Haus bleiben.

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Während der folgenden vier Tage entwickelte sich die Wunde gut und schien schön zu heilen, am fünften Tag allerdings entdeckte ich in der Mitte der Naht eine entzündete Stelle. Also beobachten! Am nächsten Morgen, es war natürlich Samstag, hüpfte Lieschen nach ihrem nächtlichen Ausflug in mein Bett, und ich warf sofort einen Blick auf die Naht. Sie war aufgebrochen, lose hingen die Fäden an den Wund­rändern. Oh Mann!

Dieses Mal war die Tierärztin Gott sei Dank gleich am Telefon und ich mit Lieschen eine halbe Stunde später in der Praxis. Dort wurden die restlichen Fäden gezogen, die Wunde gesäubert und dann nicht wieder genäht, sondern getackert. Ja, richtig gelesen! Mit einer Art Heftmaschine wurden drei kleine Metallklammern durch die Wund­ränder ge­­schossen. Tack, tack, tack – fertig. Lieschen zuckte nicht mal mit der Wimper, so schnell ging das. Und die kostspielige und auch nicht gerade gesunde Vollnarkose war damit überflüssig geworden. Prima Methode!

Drei Tage später hatte sich eine der Klammern zur Hälfte gelöst und baumelte wie ein Pearcing an Lieschens Pfote. Kurz entschlossen nahm ich eine kleine Zange und versuchte, die Klammer ganz raus zu ziehen. Dazu muss man wissen, dass Lieschen sich zwar mit endloser Geduld Zecken an Kopf und Hals entfernen lässt, es aus irgendeinem Grund aber nicht ausstehen kann, wenn ich an ihren Pfoten herumfummele. Sie schreit wie am Spieß und wehrt sich, als stünde ihr Leben auf dem Spiel. Irgendwie hab ich es aber dann doch geschafft, die Klammer war draußen. Allerdings nicht ohne Tribut: mein T-Shirt war durchlöchert, und an Armen und Oberschenkel lief mir das Blut runter. Die gleiche Prozedur fand dann zwei Tage später statt – mit den beiden anderen Klammern.

Seitdem ist – toi, toi, toi – nichts mehr passiert. Und da es außer Murphys Gesetz auch noch das der Serie gibt, gehe ich jetzt davon aus, dass die nächste Verletzung nicht auf sich warten lässt. Denn innerhalb von zwei Jahren hat sich Lieschen bereits fünfmal die Pfote aufgerissen, einmal mit aufwändiger Operation und einer Woche Stubenarrest, was überhaupt nicht lustig war, weder für sie noch für mich. Aber auch das Gesetz der Serie findet früher oder später sein Ende. Das hoffe ich zumindest!

P. S.: Vergeblich gehofft! Kaum vier Monate später kam Lieschen wieder mit einer Verletzung. An derselben Pfote. Und es war natürlich wieder Sonntag. Gottseidank war die Wunde nicht so schwerwiegend, dass sie ärztlich behandelt werden musste. Ich habe Calendula-Salbe drauf gestrichen, und da Katzen ein erstaunliches Selbstheilungsvermögen haben, war die Pfote ein paar Tage später wieder wie neu.


Die Geschichte ist aus “Das kunterbunte Katzenbuch”

3 Kommentare

  1. Hoffentlich macht Lieschen um Maschendrahtzäune jetzt lieber einen großen Bogen
    Aber leider hat man ja bei den Freigängern keine Kontrolle über ihr Tun und
    Treiben. Ich drücke euch beide Daumen!!!

    Liebe Grüße
    von Elke

    • Erfreulicherweise kam Lieschen schon sehr lange nicht mehr mit einer Verletzung nach Hause.
      Liebe Grüße
      Renate

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