Die Katze ist ein Kater

Katze

Streng genommen gehörte meine erste Katze nicht mir, sondern Richard, meinem Mann. Ich habe sie ihm geschenkt. Weil er immer wieder von Katzen schwärmte, beschloss ich eines Tages, ihn zu überraschen und fuhr in den Münchner Osten, zum Tierheim.

Irgendwie herrschte dort eine gedrückte Atmosphäre. Schon auf dem Parkplatz lag ein strenger Geruch in der Luft. Eine Mischung von Exkrementen und Ausdunstungen heimatloser Wesen, die ihrer Hoffnung auf eine bessere Zukunft mit traurigen Lauten Ausdruck gaben. Entschlossen betrat ich das Gebäude. Wenigstens ein Tier sollte nicht vergebens hoffen und heute ein Zuhause finden.

Hinter einer Glasscheibe am Empfang saß eine dicke Frau und fragte mich nach meinem Anliegen.

»Ich hätte gern eine Katze«, sagte ich.

»Katzen haben wir mehr als genug«, meinte die Frau. Sie erhob sich schwerfällig von ihrem Stuhl, zog einen Karton aus dem Regal und watschelte vor mir her, zur Katzenabteilung, wo in aufeinander gestapelten Drahtkäfigen Tiere unterschiedlichster Rassen und Altersstufen hockten und mir misstrauische und verängstigte Blicke zuwarfen.

Eigentlich hatte ich an ein Katzenbaby gedacht, winzig und flauschig. So eines konnte ich hier aber nicht entdecken. Wo denn die jungen Kätzchen seien, wollte ich gerade fragen, als ich wie angewurzelt stehen blieb. Aus einem der oberen Käfige schaute mich eine rot getigerte Katze an. Im Gegensatz zu ihren Artgenossen hatte sie sich nicht in eine der hinteren Ecke verdrückt, sondern saß vorn, direkt an der Tür. Sie wirkte auch nicht misstrauisch oder verängstigt, sondern zutraulich und auf gewisse Weise selbstbewusst. Ihre großen Augen leuchteten bernsteinfarben und hatten einen geheimnisvollen, tiefgründigen, fast schon hypnotisierenden Ausdruck. Fasziniert schaute ich die Katze an und steckte meinen Finger durch das Gitter. Die Katze schnupperte und rieb ihren Kopf daran.

Von diesem Moment an gab es nichts mehr zu überlegen.

»Die Katze nehm ich«, sagte ich.

»Das ist keine Katze, sondern ein Kater«, sagte die dicke Frau.

»Macht nix, ich nehm sie trotzdem«, sagte ich.

Die Frau öffnete die Käfigtür, packte das Tier mit routiniertem Griff am Schlafittchen und verstaute es in dem Karton.

Nachdem die Formalitäten erledigt waren und ich dreißig Mark für die Sterilisation des Katers bezahlt hatte, bekam ich ihn ausgehändigt und ein paar Dosen Futter geschenkt (Werbe-Aktion eines Katzenfutter-Produzenten).

In ein paar Monaten käme übrigens jemand vorbei, um sich zu vergewissern, dass es dem Tier gut gehe, meinte die Frau, als ich gerade im Begriff war zu gehen.

»Wozu das denn«, wollte ich wissen.

»Ach, Sie haben ja keine Ahnung, was manche Menschen mit Tieren so alles anstellen«, sagte die Frau und rollte bedeutungsvoll mit den Augen. Am liebsten hätte sie sich jetzt in der Schilderung unschöner Details ergangen. Das war ihr deutlich anzusehen. Ich verzichtete aber darauf. Vor einiger Zeit hatte ich nämlich gelesen, dass eine Frau als Strafe für eine runter geworfene Vase ihre Katze in der Waschmaschine gewaschen hatte. Das malträtierte Tier hatte so laut geschrien, dass eine Nachbarin die Polizei verständigt hatte. Ich hatte also sehr wohl Ahnung, was manche Menschen mit Tieren so alles anstellen.

»Schicken Sie ruhig jemanden vorbei«, meinte ich und stupste meinem Neuerwerb zärtlich die rosarote Nase, die er durchs Korbgitter steckte. »Bei uns wird er es gut haben!«

Zuhause angekommen, lüpfte ich den Kartondeckel. Mit großen Augen schaute der Kater um sich, hüpfte dann heraus und trippelte guter Dinge durch die Wohnung. Krabbelte unter das Sofa und kam mit Staubflusen zwischen den Schnurrhaaren wieder hervor. Hopste auf Stühle und Tische, sprang in der Küche auf die Anrichte, wanderte auf meinen Schreibtisch zwischen Ordnern und Papieren umher und schlängelte sich durch die Blumentöpfe auf der Fensterbank. Nach ungefähr einer Stunde schien er sein neues Domizil hinreichend inspiziert zu haben, denn er sprang auf meinen Schoß, ringelte sich dort ein und schnurrte mit vertrauensvoll geschlossenen Augen. Während ich sein flauschiges Fell streichelte, malte ich mir das überraschte Gesicht meines Mannes aus und grinste.

»Kannst du mir ein Ei borgen?«, fragte Ursula, meine Nachbarin, eine Weile später.

»Na klar. Komm rein», sagte ich und winkte Ursula ins Wohnzimmer, »wir trinken erst mal einen Kaffee.«

Drinnen angekommen entdeckte Ursula den Kater und stieß einen Schrei aus. »Mein Gott, was ist denn das?«

»Eine Schildkröte», sagte ich, »sieht doch ein Blinder.«

»Seit wann habt ihr denn ’ne Katze?«

»Seit heute.«

Ursula bückte sich und streichelte dem Kater, der sich an ihren Knöcheln rieb, das Fell.

»Mein Gott, ist die hübsch … wie heißt sie denn?«

»Sie ist ein er und hat noch keinen Namen», sagte ich, »den werden wir uns heute Abend ausdenken, wenn Richard zu Hause ist.«

Ursula legte sich der Länge nach auf dem Fußboden und und ließ eine Walnuss über den Fußboden kullern. Übermütig sprang der Kater hinterher.

Ich ging in die Küche. »Richard hat übrigens keine Ahnung von dem Familienzuwachs«, rief ich.

»Dann wird er ja Augen machen.», meinte Ursula.

»Na, das hoff ich doch.« Ich grinste, füllte Kaffee in die Tassen und trug sie ins Wohnzimmer. »Apropos, da kommt mir ’ne prima Idee. Hör mal zu …«

»Hallo Ursula, wie geht’s denn so?» fragte Richard und schmiss seine Aktenmappe auf einen Stuhl. Er küsste Ursula die Wange, tätschelte mir den Po und ging zur Hausbar, um sich den allabendlichen Martini zu mixen.

»Wollt ihr auch einen?», fragte er und klapperte mit den Eiswürfeln.

»Klar«, sagten Ursula und ich wie aus einem Mund und grinsten uns verschwörerisch an.

Richard schüttelte gerade den Mixbecher, als er inne hielt.

»Guck mal», sagte er verblüfft, »da ist ’ne Katze.«

»Eine Katze?«, fragte ich scheinheilig. »Wo?«

»Na da.« Er deutete mit dem Mixbecher in Richtung Terrasse. Mit erhobenem Schwanz stand der Kater auf der Schwelle.

»Ach die«, sagte ich lässig, »die gehört Ursula.«

»Ja, die gehört mir«, versicherte Ursula.

»Seit wann hast du denn ’ne Katze«, sagte Richard, ging in die Hocke und scharrte mit den Fingernägeln auf dem Teppich herum.

»Na, komm doch mal her!«

Prompt tippelte der Kater auf ihn zu. Richard legte sich auf den Rücken, der Kater sprang auf seinen Bauch und machte den Milchtritt. Richard lächelte glücklich.

»Ist doch nett von Ursula, uns ihre Katze für eine Nacht zu überlassen«, sagte Richard.

Es war kurz vor Mitternacht, und wir lagen im Bett. Zwischen uns lag der Kater und ließ sich von Richard den Bauch kraulen.

»Ja, das ist wirklich nett«, sagte ich.

»Morgen fahren wir ins Tierheim und holen uns auch eine«, sagte Richard und knipste die Nachttischlampe aus.

»Das ist eine sehr gute Idee», sagte ich und grinste in die Dunkelheit.

KatzenbuchAm nächsten Morgen beim Frühstück beichtete ich die kleine Schwindelei. Der Kater saß auf dem Stuhl neben Richard.

»Mich so zu veräppeln«, grinste Richard, drohte mit dem Finger und steckte ihn dann in sein weich gekochtes Ei. Mit Eigelb überzogen hielt er ihn dem Kater vor die Nase, der ihn ableckte.

»Ach, ist der ist putzig«, sagte Richard und steckte seinen Finger wieder ins Eigelb. »Wie sollen wir ihn eigentlich nennen?« fragte er dann.

»Putzel«, sagte ich, und so nannten wir ihn dann auch.


Die Geschichte stammt aus meinem ersten Katzenbuch: Auf leisen Sohlen

3 Kommentare

  1. Eine wunderschöne Geschichte, Renate. Umso schöner, dass sie das Leben geschrieben hat. :-)

  2. Kein Wunder, dass du den Putzel aus dem Tierheim mitgenommen hast. Mir hätte er auch
    auf Anhieb gefallen. Er war ein wirklich prächtiger und hübscher Kater.
    Wielange konnte er denn bei euch bleiben?
    Deine Geschichte, wie er zu euch gekommen ist, ist sehr anschaulich erzählt.

    Liebe Grüße von
    Elke

  3. Lakritze & Co

    Ach ja, seufz …. schön ……
    Da träume ich heute nacht bestimmt von meinen Regenbogen-Miezen ……..
    Ingrid

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