Eine Geschichte aus dem Buch „Auf Samtpfoten direkt in mein Herz“

Er ist der Nachfolger meiner großen Liebe, dem schielenden Kater Fritz. Ungefähr ein halbes Jahr war er alt, als ich ihn entdeckte.

Fritzchen hatte gerade mal zwei Tage zuvor seine Reise in den Katzenhimmel angetreten, als Freunde meinten, ein kleines Kätzchen sei bestimmt gut für mein trauriges Gemüt. Ein pelziges Trostpflaster sozusagen. Im ersten Moment empfand ich das als pietätlos, sah dann aber schnell ein, dass meine einsame Trauer niemandem etwas nützen würde. Weder Fritzchen noch mir. Seine Seele schien immer noch um mich herumzuschweben, ich träumte von ihm, und wenn ich nach Hause kam, empfand ich die katerlose Wohnung als trist und leer. Also machte ich mich auf den Weg. Nicht ins Tierheim, sondern zu einer Frau, die so eine Art Auffangstation für unerwünschte und ausgesetzte Katzen unterhält. Auf engem Raum wuselten ungefähr zwanzig Katzen herum, unter anderem ein kleiner Kater, gemustert wie eine norddeutsche Schwarz-Weiß-Kuh. Er zitterte, schaute mich mit weit aufgerissenen grünen Augen verängstigt an, und in diesem „Augenblick“ wusste ich, dass genau dieses Kuhkaterchen es sein musste, mit dem ich nach Hause fahren würde. Und ich gab dem unglücklich dreinschauenden Kater spontan den Namen Felix. Felix, der Glückliche.

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Felix, der noch Unglückliche, hatte keine guten Erfahrungen mit Menschen gemacht. „Der Bauer hat ihn aus dem Stadel geprügelt“, berichtete die tierliebende Frau. Vermutlich hatte sie recht, denn die ersten Wochen verbrachte Felix mehr oder weniger unterm Sofa, nur zum Fressen verließ er sein Refugium. In geduckter Hab-Acht-Haltung schlich er in die Küche, verputzte ruckzuck sein Futter und flitzte dann wieder unters schützende Sofa. Ich ließ ihn in Ruhe, und allmählich entwickelte er Vertrauen. Statt unter dem Sofa lag er immer öfter oben drauf, zwischen die Kissen gekuschelt. Allmählich begann er dann, sein neues Zuhause zu erkunden, wanderte durch die Räume, schnupperte an den Pflanzen auf Terrasse und Balkon und irgendwann tippelte er auch die Treppe zur Galerie hoch. Von da an schlief er in meinem Bett.

Felix sollte ein Wohnungskater sein. Das schien mir sicherer. Fritzchen hatte ich zwar rausgelassen, aufgrund seines vorsichtigen Wesens aber keine Angst, dass er Reißaus nehmen könnte. Er war immer in Sichtweite geblieben, und wenn ich nach ihm gerufen oder gepfiffen hatte, kam er angerannt – wie ein Hündchen. Ob Felix auch so „brav“ sein würde, wusste ich nicht, und wollte es auch gar nicht drauf ankommen lassen. So unternahm er seine Ausflüge nur aufs Dach, schaute auf dem First den Vögeln nach, nahm Sonnenbäder auf der Terrassenbrüstung, döste in Blumenkübeln und drückte dabei die Pflanzen platt. Alles in allem schien er mit seinem Leben als Wohnungskatze zufrieden zu sein. Doch eines Tages war er verschwunden. Nichts zu sehen von ihm. Auf dem Dach nicht, auf der Terrasse nicht, auf dem Balkon auch nicht. Ich untersuchte die ganze Wohnung, schaute unters Bett und in jedes Regal und steckte meinen Kopf im Schrank unter die Klamotten – keine Spur von Felix. Das gibt‘s doch nicht. Wo hatte der Racker sich nur versteckt? Dass Katzen diese Disziplin perfekt beherrschen, hatte ich längst mitgekriegt. Die pelzigen Mitbewohner finden Raum im kleinsten Winkel. Aber irgendwann entdeckt man sie doch – vielleicht. Meistens allerdings verlassen sie ihr Versteck von allein, wenn sie Hunger haben zum Beispiel.

Mein Kuhkater tauchte nicht auf. Dass er im Gegensatz zu Fritzchen durchaus nicht immer kommt, wenn ich nach ihm rufe, war mir schon geläufig. Vielleicht hockte er auf der anderen Dachseite auf der Schornsteinfeger-Leiter, ließ sich dort von der Nachmittagssonne den Pelz wärmen und den Herrgott einen guten Mann sein. Ich ging nach unten in den Garten und graste mit meinem Blick die andere Dachseite ab. Nichts zu entdecken von Felix. Ratlos schaute ich mich um, als plötzlich eine Art weißer Blitz durch die Sträucher huschte. Felix. Wie war der kleine Schlawiner denn in den Garten gelangt? Na ja, vermutlich in einem günstigen Moment durch die Wohnungstür entwischt. Vielleicht, als der Briefträger mir Post überreichte oder ich Müll rausbrachte.

Nach längerer Jagd, die ihm sichtlich Spaß machte, konnte ich den Ausreißer einfangen und nach oben tragen. Wenige Minuten später rannte er bereits wieder durch den Garten. Nicht durch magische Kräfte eines überirdischen Wesens dort hin gezaubert, sondern durch seinen unbändigen Freiheitsdrang. Denn kaum hatte ich ihn im Wohnzimmer auf die Füße gestellt, spurtete er auf die Terrasse, sprang leichtfüßig auf die Brüstung, von dort aufs Dach, lief zielstrebig in Richtung Dachfirst und entschwand meinem Blickfeld. Ich eilte zum Balkon, streckte meinen Oberkörper übers Geländer und bekam gerade noch mit, wie der Ausreißer in der Regenrinne der anderen Dachseite stand, sich duckte, zum Sprung ansetzte und wenige Sekunden später auf allen Vieren geschmeidig im Garten landete, genau zwischen Katzenminze und Pfingstrosen. Drei Meter im freien Fall waren für den kleinen Burschen ein Klacks, damit hatte ich nicht gerechnet. Von da an war mein Kater ein Freigänger. Allerdings ließ ich mir vom Schreiner eine Katzenleiter anfertigen. Felix konnte zwar die drei Meter nach unten leicht überwinden, hochspringen konnte er sie allerdings nicht. Und ich hatte keine Lust, für Herrn Kater die Türöffnerin zu spielen.

Elf Jahre ist das Ganze nun her, und Felix genießt seine Freiheit, was ich gut verstehe. Es macht schließlich mehr Spaß, sich im Gras rumzuwälzen, durchs Unterholz zu streichen, die Nachbargärten zu inspizieren und im nahe gelegenen Wäldchen auf Pirsch zu gehen, als tagein, tagaus auf derselben Terrasse rumzulümmeln. Es ist doch viel aufregender, Mäuse, Blindschleichen, Frösche und anderes Getier zu erbeuten, als das Futter vor die Nase gestellt zu bekommen. Es ist doch viel spannender, seinen Lieblingsfeind, den Nachbarkater, nicht nur von oben zu beobachten, sondern ihm gut getarnt unter einem Strauch auflauern, im richtigen Moment von hinten angreifen und dann richtig verdreschen zu können. Schließlich war Felix zuerst hier. Der Garten ist sein Revier, und das gilt es, zu verteidigen. Entschlossen, lautstark, mit fliegenden Fellfetzen und leider auch mit regelmäßigen Verletzungen. So ist es dem Rivalen doch tatsächlich gelungen, Felix‘ Nickhaut an einem Auge zur Hälfte aufzuschlitzen. Dass der Augapfel dabei nichts abbekommen hat, grenzt an ein Wunder. Bis auf diese Rivalität und die damit zusammenhängenden Kämpfe ist Felix ein ausgesprochen ausgeglichener und friedfertiger Zeitgenosse. Er faucht nicht, er beißt nicht und er kratzt nicht. Er lässt Möbel und Vorhänge in Ruhe und er klaut nicht. Felix zeigt die Gelassenheit eines Buddhas. So ein östlicher Zeitgenosse ist mir zwar noch nicht persönlich über den Weg gelaufen, aber ich stelle mir seine Gemütsverfassung so vor: Stets entspannt im Hier und Jetzt und von der Überzeugung erfüllt, dass alles im Leben seinen Sinn hat und es demzufolge unsinnig ist, sich über Widrigkeiten aufzuregen oder sie gar bezwingen zu wollen. Nein, man sollte die Dinge des Lebens so nehmen, wie sie kommen. Damit erträgt man sie am leichtesten. Genauso kommt Felix mir vor, er ist die Katze gewordene Gelassenheit.

Er hockt auch nicht vor dem leeren Futternapf und nervt wie Lies-chen mit lautem, ungeduldigem Geschrei. Nein, wenn Felix Hunger hat, und er hat oft Hunger, sitzt er stumm vor dem Napf, stiert unbeweglich geradeaus und weiß genau, dass ich diese lautlose Vorwurfshaltung nicht lange ertrage, sondern ihn mit Nahrung versorge. Ist er gesättigt, hockt er sich trotz vorhandener Katzenklappe mit ähnlich starrem Blick vor die Terrassentür. Zumindest in kühlen und kalten Jahreszeiten – bei warmen Temperaturen steht die Tür offen.

Manchmal lasse ich es drauf ankommen und beobachte ihn aus dem Augenwinkel. Reglos wie eine Statue hockt er vor der Tür und schaut durch die Scheibe. Unendlich lang. Ich sagte ja bereits, er ist die personifizierte Gelassenheit und verfügt über erstaunliche Ausdauer. Zwischendurch allerdings dreht er den Kopf zu mir und bedenkt mich mit einem vorwurfsvollen Blick. Meistens öffne ich dann die Tür. Aber eben nicht immer. Manchmal grinse ich in mich hinein und bleibe stur. Hat er das irgendwann begriffen, tappt er gottergeben zur Katzenklappe. Während Lili wie ein geölter Blitz durch die Klappe schießt, hockt er sich erst mal davor und überlegt, ob sich nicht doch eine andere Möglichkeit findet, nach draußen zu gelangen. Zumindest vermittelt er diesen Eindruck. Nachdem keine Alternative in Sicht ist, zwängt er sich umständlich, missmutig und sehr langsam durch die Klappe. Erst die rechte Vorderpfote, dann der Kopf, dann die linke Vorderpfote, dann folgt der Rest. Auf der Terrasse angelangt, nimmt er wieder erstmal Platz und schaut verträumt in den Himmel. Dann steht er auf, streckt sich ausgiebig, hüpft auf den Blumenkübel und von dort auf die Terrassenbrüstung. Dort nimmt er wieder Platz und denkt nach. Worüber? Keine Ahnung. Hat er lange genug nachgedacht, erhebt er sich, tippelt an den Blumentöpfen vorbei aufs Dach und dort zielstrebig in Richtung Katzenleiter, die an der Regenrinne befestigt ist und steil nach unten führt. An der Katzenleiter angelangt, nimmt er auch wieder erst Platz und legt seine vorläufig letzte Denkpause ein. Die kann Minuten dauern, schließlich hat er keine Eile. Irgendwann rafft er sich auf und beginnt den Abstieg. Sein Kopf verschwindet in den Zweigen eines Forsythienstrauches, zum Schluss sehe ich nur noch die hoch aufgerichtete schwarze Schwanzspitze, dann ist er weg.

Wenn ich fix einen Stock höher laufe und aus dem Westfenster schaue, kriege ich gerade noch mit, wie er unten im Garten aus dem Gebüsch kriecht und zielstrebig zum Nachbargrundstück stiefelt. Dort quetscht er sich unterm Gartenzaun durch, schlendert über die Wiese und entschwindet meinem Blickfeld. Bis er wieder auftaucht, vergehen Stunden. Keine Ahnung, was er in dieser Zeit macht. Ob er im Wäldchen rumstromert oder bei den Nachbarn einfach unter einem Strauch sein Nickerchen hält – ich werde es wohl nie erfahren. Auf alle Fälle ist er immer in der Nähe. Denn wenn ich pfeife, kommt er angezockelt. Meistens. Aber nicht immer. An heißen Sommertagen zum Beispiel kann ich pfeifen, solange ich will, er reagiert nicht. Liegt bestimmt irgendwo im Schatten und denkt (mal wieder): „Lass sie doch pfeifen, bei der Hitze bewege ich mich keinen Millimeter von hier weg.“

Einmal allerdings haben mir Nachbarn ein Foto geschickt. Mein Kater faul auf ihrem Gartentisch, im Schatten eines Apfelbaumes. Immerhin ein kleiner Hinweis, wo mein pelziger Untermieter so rumlungert. Ich habe schon damit geliebäugelt, ihm eine kleine Kamera um den Hals zu binden, die alle paar Sekunden eine Aufnahme macht – gibt es tatsächlich, für genau solche Zwecke – weil es mich doch sehr interessiert, was er so alles treibt auf seinen Ausflügen. Aber es ist dann bei der Liebäugelei geblieben. Ich muss ja nicht alle Geheimnisse meines Mitbewohners aufdecken. Ein bisschen Privatsphäre braucht schließlich jeder. Auch ein Kuhkater.


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Hier gibt es einen kleinen Einblick ins Buch.