Kategorie: Geschichten

Kater Moritz hat Probleme

katzenbuch

Ich bin der Moritz und momentan im besten Alter, sozusagen. Zur Welt kam ich bei einer netten Familie mit vier Kindern, war also schon von klein auf damit vertraut, gestreichelt, allerdings aber auch ein bisschen geärgert zu werden.
Als ich drei Monate alt war, holte meine heutige Familie mich zu sich nach Hause. Die ersten Tage waren schon etwas komisch, alles war neu, Mama und meine Geschwister fehlten mir, die neue Umgebung musste ich kennenlernen, offen gestanden fühlte ich mich ziemlich einsam. Mein erstes Erlebnis mit Thomas (das ist der zweitwichtigste Mann im Haus!) war auch nicht so toll. Ich saß auf seinem Schoß und dann passierte es, ich musste mal, weil ich doch so aufgeregt war, und schon war seine Hose nass. Na, das fing ja gut an, aber erfreulicherweise hat mir das keiner übelgenommen.
Wider Erwarten habe ich mich dann schnell eingelebt, doch die ersten Probleme traten kurze Zeit später auf. Ich hatte Würmer, nahm kaum zu und war insgesamt nicht gerade robust. Trotz mehrerer Behandlungen wurde ich die ollen Würmer nicht los. Als ich dann ein Jahr alt war, wurde ich so richtig krank und lag ein paar Tage ziemlich schlapp im Körbchen. Die Tierärztin wusste auch nicht so recht weiter. Doch wie durch ein Wunder ging es aber plötzlich aufwärts mit mir, von da an war ich wie ausgewechselt und wurde topfit. Das Leben konnte beginnen – Katzendamen, wo seid ihr? Doch schwupps, und ich saß schon wieder bei der Tierärztin. Danach war ich nicht mehr der Alte und hatte mit den Damen nichts mehr am Hut. Das ist mir heute aber egal, da brauch ich mich wenigstens nicht immer mit üblen Konkurrenten um die Weiber zu prügeln.
Im Sommer bin ich fast immer draußen, im Winter verbringe ich die Tage lieber drinnen, in der Wärme. Nachts gehe ich vorzugsweise auf Jagd, da krabbeln nämlich die kleinen süßen Mäuschen aus ihren Löchern.
Meine „eigentliche“ Wohnung befindet sich in der Garage, und durch die Katzenklappe kann ich da rein und raus, wann ich will. Dort ist mein Futternapf und ein warmes Plätzchen zum schlafen. Ins Haus darf ich zwar auch, aber blöderweise gibt‘s dort keine Katzenklappe, ich bin also vom guten Willen meiner Familie abhängig. Aber die hab ich mittlerweile ganz gut im Griff, weshalb ich die Drei – im Vertrauen gesagt – eigentlich als mein Personal bezeichne. Im Großen und Ganzen geht es mir prima, und die kleinen Herausforderungen des Lebens löse ich im Pfotenumdrehen, wie in der folgenden Geschichte.
Wie komme ich ohne zu klingeln ins Haus rein?
Ich dachte scharf nach. Ja, ich muss ganz einfach auf mich aufmerksam machen. Also, Showtime – ab geht die Post. Ich tat so, als wolle ich einen Vogel fangen. Sprang hoch in die Luft, wälzte mich im Gras, kletterte auf die Schaukel, sprang wieder runter. Rannte hin, rannte her, schlug Purzelbäume – das volle Programm hab ich durchgezogen. Und was war am Ende? Nichts! Keine Bewunderung, kein Applaus, erst recht keine offene Tür. Ich war ziemlich sauer! Aber wozu habe ich eine Stimme? Ich peilte noch einmal die Lage und schaute durch die Scheibe der Haustür. Niemand zu sehen. Also los, tief Luftholen und ein trauriges aber sehr lautes Miau ausstoßen. Gedacht, getan – null Reaktion! Das Ganze noch mal. Wieder nichts. Sind die denn taub? In schnellem Trab und mit wieder sehr lautem Miauen ging’s jetzt rund ums Haus. Wieder keine Reaktion von drinnen.
Nun legte ich mich erst mal in die Sonne und ließ mir alles in Ruhe durch den Kopf gehen. Ich hatte gewartet, eine Show abgezogen, meine Stimme eingesetzt, und das alles umsonst. Ich warte doch nicht immer draußen, bis die Herrschaften mich rein rufen. Schließlich bin ich ein ausgewachsener Kater und treffe wichtige Entscheidungen selbst. Aber nach wie vor stellte sich die Frage, wie ich ins Haus rein komme. Da war guter Rat teuer. Doch dann kam mir plötzlich eine Idee. Ich sprang auf, rannte wieder zur Haustür, stellte mich auf die Hinterpfoten und trommelte mit den Vorderpfoten an die Scheibe, so laut ich konnte. Und zu meiner eigenen Überraschung konnte ich sehr laut trommeln (vielleicht war ich in einem früheren Leben mal Schlagzeuger). Und dann geschah es. Einen Moment später machte Karin – meine Hausdame – die Tür auf. So einfach sollte die Lösung gewesen sein? Es schien so. Denn über die folgenden Jahre hat sich dieses Verfahren als sehr wirkungsvoll erwiesen. Das erste Problem war damit gelöst, aber es gab ja noch andere. Eines davon war ein schwerwiegendes Kommunikationsproblem in punkto Mittagessen.
Der Kampf ums Mittagessen
Es wird wohl jedem klar sein, dass ein Kater wie ich viel Nahrung zu sich nehmen muss. Wo soll sonst die ganze Kraft herkommen? Inzwischen habe ich alle möglichen Futtersorten probiert und weiß, was mir schmeckt. Mäuse fange ich mir natürlich selber, aber immer nur Maus auf dem Speisezettel ist langweilig, außerdem gibt’s auch Besseres. Aber ich hätte nie gedacht, wie lange es dauert, bis mein Personal das begriffen hat. Ich erkläre das an einem Beispiel: die Nacht war hart und lang, der Morgen graute, und ich wurde allmählich müde. Noch schnell ein Mäuschen als Betthupferl, dann rein ins Haus (mit dem üblichen Getrommel natürlich) und ab ins Körbchen. Dort träumte ich süß, bis mich das Geräusch klappernder Teller weckte. Es gibt Geräusche, die überhöre ich selbst im Tiefschlaf nicht, Tellerklappern gehört dazu.
Ich rannte in die Küche, wo es nach Brathähnchen roch. Der Backofen leuchtete, und in seinem Innern brutzelte tatsächlich ein nacktes Federviech. Habe ich schon gesagt, dass ich Brathähnchen liebe?! Demonstrativ platzierte ich mich vor die Scheibe. Es wird ja wohl jeder verstehen, dass ich gewisse Ansprüche an den Inhalt des Ofens anmeldete. Doch genau hier begannen die Probleme.
„Moritz, musst du dich denn mitten in den Weg setzen?“
Karin packte mich und beförderte mich weg vom Ofen. Na gut, dann setze ich mich eben auf den Stuhl. Da hab ich eh den besseren Überblick.
„Was willst du denn”, fragte Karin, “willst du raus?“
Blöde Frage, warum saß ich wohl auf dem Stuhl? Da stand wieder ein harter Kampf ums Mittagessen bevor …
„Draußen hast du dein Futter, dort ist alles, was du brauchst.“
Das stimmte natürlich, aber hier gab‘s alles was ich wollte.
„Moritz, du nervst!“
Ruckzuck fand ich mich in meinem Körbchen wieder. Da schlägt man doch die Pfoten über dem Kopf zusammen – über soviel Ignoranz und Starrköpfigkeit. Aber das kann ich genauso gut. Lässig in mein Körbchen gekuschelt, wartete ich bis meine Zeit gekommen war und alle drei am Tisch saßen. Als es soweit war, schlich ich auf leisen Sohlen wieder in die Küche, ließ mich auf dem Boden nieder und setzte meinen traurigsten Blick auf. Keine Reaktion! Geduld ist eine meiner Tugenden, und so wartete ich Minute über Minute. Nur ab und zu blickte ich auf und bemerkte, dass die drei nervös wurden. Gleich würde ich sie weich gekocht haben – die Zeit war reif für ein klägliches Miau. Ich spürte die Blicke auf mir, setzte noch einen wehleidigen Maunzer nach, erhob mich langsam und tappte mit gesenktem Blick und hängendem Schwanz in Richtung Küchentür. Ein Bild des Elends!
Nachdem ich so wirkungsvoll an das Gewissen meiner Drei appelliert hatte, konnte der Erfolg nicht ausbleiben. Sophie (die jüngste im Personal, Lehrling sozusagen) stand schließlich auf, holte meinen Napf, füllte etwas Hähnchenfleisch hinein und stellte ihn an meinen Futterplatz. Na also, warum nicht gleich so. Manchmal glaube ich, die machen das aus reiner Lust an ihrem sadistischen Spiel. Aber irgendwie macht mir die Bettelei auch Spaß. Da werde ich richtig ernst genommen und bekomme die volle Aufmerksamkeit. Und, mal ganz ehrlich, wer von uns mag das nicht?
Ein Freund, ein guter Freund …
Nicht alles, was ich erlebe, ist mit Problemen verbunden. Manche Dinge gehen auch ganz unkompliziert vonstatten, so wie in folgender Geschichte.
Vor ungefähr einem Jahr haben wir neue Nachbarn bekommen. Dass sie ein Zwergkaninchen ihr eigen nannten, das draußen im Garten seinen Stall hatte, habe ich positiv zur Kenntnis genommen. Negativ daran war, dass ich die Stalltür partout nicht auf bekommen habe, so dass der Mümmelmann zum Verzehr nicht zu erreichen war.
nachbarkaterLetzten Herbst aber legten die Nachbarn sich einen Kater zu. Das war schon wesentlich interessanter für mich – ein Artgenosse in unmittelbarer Nähe. Enttäuschenderweise war das aber noch ein richtiger Dreikäsehoch, ein Jüngling und somit auch keine wirkliche Konkurrenz für so einen alteingesessenen Haudegen wie mich. Den ganzen Winter durfte der Neuankömmling außerdem nicht aus dem Haus, weil er noch so jung war. Ich fand das sehr schade, weil es einfacher gewesen wäre, ihm von klein auf klarzumachen, wo hier in meinem Revier der Hammer hängt. Doch jetzt ist der Dreikäsehoch ein Jahr alt und durfte vor einigen Wochen endlich das Haus verlassen, sich in der Umgebung umsehen und dem einheimischen Katzenvolk vorstellen.
Charly heißt der Halbstarke mit der drahtigen Figur. Er ist lange nicht so behäbig wie ich es bin, aber er trägt ja auch nicht so viele Pfunde mit sich rum. Jedenfalls dauerte es nicht lange und Charly besuchte mich. Er war sehr schüchtern und schaute erst einmal vorsichtig um die Ecke. Vorsichtshalber machte ich ein fürchterlich grimmiges Gesicht und verwandelte meinen schlanken Schwanz in eine riesige Flaschenbürste, nur zur Sicherheit, damit der Kerl wusste, wer hier der Herr im Hause ist. Er schien tief beeindruckt zu sein, denn geduckt schlich er sich wieder von dannen.
katzenbuchNa, so war das ja auch nicht gemeint von mir. Schnell rannte ich hinter ihm her, um ihm ein Friedensangebot zu machen. Allerdings dauerte es einige Runden ums Haus, bis Charly meine friedlichen Absichten endlich begriffen hatte und stehen blieb. Vorsichtig tappten wir aufeinander zu und beschnupperten uns ausgiebig. Charly schien mich zu mögen, und ich konnte den Burschen auch gut leiden, wie ich ehrlich zugebe. Zum Zeichen der Freundschaft tauschten wir noch einen Nasenstüber aus, dann tobten wir durch den Garten und rauften uns freundschaftlich in den Blumenbeeten. Wie die Tulpen danach aussahen, ist ein anderes Kapitel und hat mir mal wieder einen Minuspunkt bei meinem Personal eingebracht.
Seitdem ist Charly mein Freund und besucht mich täglich. Zuerst jagen wir kreuz und quer durch die Fauna, schlagen Purzelbäume und balgen uns, dass die Fellfetzen fliegen, dann klettern wir mit rasanter Geschwindigkeit auf Bäume und Sträucher, und zum Schluss vertreiben wir ungebetene Kollegen aus unserem Terrain.
katzenbuchNach derart anstrengenden Unternehmungen müssen wir dann erstmal ausruhen und Siesta auf dem Gartentisch halten. Der ist ja eigentlich tabu für uns, aber genau deshalb macht es Spaß, darauf herum zu lümmeln. Meine Hausdame meckert immer, wenn sie uns entdeckt und scheucht uns weg, und weil wir keinen Ärger wollen, verziehen wir uns unter die Büsche, wo wir Fell an Fell ein Nickerchen machen.
Alles in allem kann ich sagen, es ist sehr schön, einen Freund zu haben.
Moritz, nach Diktat mit Charly im Garten unterwegs
i. A. Thomas Borgstaedt

Die Geschichte stammt aus: Das kunterbunte Katzenbuch

Fritzchens letzter Sommer

katzensilhouette

Fünf Umzüge haben Fritz und ich schadlos überstanden und die allgemein herrschende Meinung, für Katzen sei die gewohnte Umgebung wichtiger als ihre Bezugsperson, ist damit eindeutig widerlegt.
Nicht die Lage der Wohnung war ihm wichtig, sondern ich. Er hatte nichts gegen andere Menschen, im Gegenteil, er war liebenswürdig zu jedermann. Fauchte und kratzte nicht, ließ sich streicheln und auch gern auf den Arm nehmen. Gelegentlich setzte er sich auch auf anderer Leute Schoß, vermittelte dabei aber den Eindruck, das sei mehr ein Akt der Höflichkeit, denn sein wahres Augenmerk galt mir.
Arbeitete ich, lag er auf dem Schreibtisch. Schaute ich fern, lag er auf dem Sofa oder meinem Schoß. Schlief ich, lag er neben mir auf dem Bett. Daran hat sich über Jahre hinweg kaum etwas verändert. Selbst dann, als ich nach der Trennung von meinem Mann (und Mucki) in ein Haus am Ammersee zog und es unmöglich war, ihn einzusperren, stromerte er nicht herum, sondern befand sich immer in Rufnähe. Lag im Garten unter dem Apfelbaum, unter einem Gebüsch oder zwischen den Salatköpfen. Vorzugsweise hielt er sich aber in meiner direkten Nähe auf, und auf meinem täglichen Rundgang über die hinterm Haus gelegenen Feldwege begleitete er mich wie ein Hündchen.
In dem Haus verbrachten wir sieben Jahre, dann nahm ich mir die Wohnung, in der ich heute noch lebe. Einige Mal am Tag ließ ich ihn raus, das heißt, ich ging mit ihm nach unten und öffnete die Tür zum Garten. Dort lief er eine Weile herum, war aber nach einer halben Stunde meistens wieder zurück. Falls nicht, brauchte ich nur rufen oder zu pfeifen, schon kam er angehoppelt. Von Jahr zu Jahr ist er mir mehr ans Herz gewachsen, und jedes Mal, wenn er mich mit seinen Schielaugen so vertrauensvoll anschaute, freute ich mich, dass der kleine Kerl sein Leben mit mir teilte.
Wir lebten zusammen wie ein alt vertrautes Ehepaar. Kannten und respektierten unsere Gewohnheiten und Tagesrhythmen und verbrachten fünfzehn Jahre in ungetrübtem Einvernehmen. Zugegebenermaßen war das weniger mein Verdienst als das von Fritzchen. Er hatte keine Marotten oder schlechte Angewohnheiten, ließ Polstermöbel und Vorhänge in Ruhe, verspeiste ohne zu murren, was ich ihm vorsetzte, war geduldig, zärtlich und verschmust. Alles in allem war er der ideale Lebensgefährte.
Ist man über so lange Zeit Tag und Nacht mit jemandem zusammen, kennt man sein Verhalten in- und auswendig und ist sensibel für kleinste Veränderungen.
Die Veränderungen in Fritzchens Verhaltens in jenem Sommer waren so minimal, dass sie selbst guten Freunden nicht aufgefallen sind. Aber ich bemerkte sie, und tief drinnen in mir nistete sich der Gedanke ein, dass die Zeit für meinen geliebten Liebling abgelaufen sein könnte.
Es waren anfangs wirklich nur Kleinigkeiten. So sprang er zum Beispiel nicht mehr so lässig aufs Sofa oder seinen Platz in meinem Arbeitszimmer, sondern stand eine Weile unschlüssig davor. So, als überlege er, ob die Anstrengung sich lohne. Er sprang dann zwar doch, aber der ganze Vorgang erschien mir irgendwie reduzierter, verhaltener – wie ein Film, der einen Tick zu langsam läuft. Dann stellte ich fest, dass die ohnehin geringe Zahl seiner Ausflüge in den Garten noch geringer wurde, die Dauer ebenfalls. Er schien lediglich sein Geschäftchen zu verrichten, denn wenige Minuten später saß er schon wieder vor der Tür und wollte rein. Er wich überhaupt nicht mehr von meiner Seite, es schien, als wolle er jede Minute mit mir auskosten.
Wie gesagt, es waren keine großen Veränderungen, aber es waren Veränderungen. Und Veränderungen, ob klein oder groß, ziehen Konsequenzen nach sich. Ich beobachtete meinen Kater mit Argusaugen.
Im September fiel mir auf, dass er sich nicht mehr wie gewohnt über seinen Fressnapf her machte, sondern davor saß und lustlos am Futter schnupperte. Ein paar Anstandshappen und die Mahlzeit war beendet. Manchmal dachte ich sogar, er mache das nur mir zuliebe – wie ein braves Kind. Ein Häppchen für die Mama, ein Häppchen für den Papa …
Zu der Appetitlosigkeit gesellte sich auffallender Durst, und dann erbrach er gelblichen Schleim. Mit Fritzchen stimmte etwas nicht. Ich vereinbarte einen Termin beim Tierarzt.
»Er hat sehr schlechte Nierenwerte«, sagte der Arzt, nachdem er Fritzchens Blut untersucht hatte.
»Aha, und was kann man dagegen tun?«, fragte ich.
»Sofort das Futter umstellen, das Zeug aus dem Supermarkt taugt nämlich nicht viel. Es belastet die Nieren. Jungen Katzen macht das nicht viel aus, für ältere kann es tödlich sein … die meisten sterben an Nierenversagen. Wie alt ist Ihr Kater?«
»Fünfzehn«, murmelte ich.
»Ein älterer Herr also«, sagte der Arzt. »Wir sollten ihn ein paar Tage an den Tropf hängen«, fuhr er fort, »aber ob das was nutzt, kann ich nicht sagen.«
Ich warf ihm einen entsetzten Blick zu. »Was soll das heißen?«
»Vielleicht schafft er’s. Die Chancen stehen fünfzig zu fünfzig, aber Sie müssen auch damit rechnen, dass er’s nicht schafft.« Mitleidig schaute der Arzt erst Fritzchen, dann mich an. Geduldig wie immer stand mein Kater auf dem Behandlungstisch und rieb seinen Kopf an meinem Bauch. Mir schossen die Tränen in die Augen.
Teilnahmsvoll legte der Arzt seine Hand auf meinen Arm. »Wie gesagt, vielleicht schafft er’s ja, Hoffnung besteht allemal …«
Fritzchen bekam eine dicke Kanüle ins Beinchen gesteckt und wurde an einen Tropf angeschlossen. Der Tropf wurde an einen Rollständer gehängt, und mit dem begaben wir uns ins Wartezimmer.
»Es wird ungefähr eine Stunde dauern« sagte die Sprechstundenhilfe und kontrollierte die Durchlaufgeschwindigkeit der Flüssigkeit, die Fritzchens Leben retten sollte. Ich schaute meinen Kater an. Von weißem Heftpflaster umwickelt steckte die Kanüle in seinem rasierten Beinchen, ein langer Schlauch ging davon weg, nach oben zu einer Plastikflasche. Gottergeben lag er da bemitleidenswert aus. Während der ganzen Prozedur hatte er keinen Ton von sich gegeben. Vertrauensvoll wie immer ließ er alles widerstandslos über sich ergehen. Ich versuchte meine Tränen zurückzuhalten, vergeblich. Fünfzig Prozent, rief ich mir ins Gedächtnis, fünfzig Prozent Chance, hatte der Arzt gesagt. Halbleeres oder halb volles Glas? Ich entschied mich für das halb volle.
Jeden Tag fuhr ich mit Fritzchen zum Tierarzt. Dort lag er nicht mehr im verschlossenen Korb, sondern auf der Bank oder meinem Schoß. Die Arzthelferinnen schüttelten den Kopf, wenn sie an uns vorbei gingen. So etwas hatten sie wohl noch nicht erlebt. Eine Katze am Tropf, die einfach so da liegt. Kein Ausdruck des Unmuts, nicht der leiseste Versuch, davon zu rennen oder sich der Nadel zu entledigen. Nein, Fritzchen lag einfach da und ließ die Infusion in sich hinein tröpfeln. Jeden Tag ungefähr eine Stunde.
Damit nicht immer wieder eine neue Nadel in sein Beinchen gebohrt werden musste, blieb die alte in der Vene, von Heftpflaster geschützt. Zuhause versuchte er immer wieder, den Verband wegzulecken oder weg zu schütteln. Vergeblich natürlich. Der kleine Kerl tat mir in der Seele leid, und ich hatte Angst um ihn. Nachts lag er nicht auf dem dicken Kissen, sondern kuschelte sich eng an mich, und ich steckte meine Nase sein Fell, so wie früher, als er ganz klein war.
Nach zwei Wochen war die Behandlung beendet, die lästige Kanüle wurde entfernt, die Nierenwerte aber hatten sich nicht wesentlich verändert.
»Sie können die Behandlung zu Hause weiter führen« sagte der Arzt. »Allerdings müssen Sie ihm jeden Tag eine Spritze zu geben. Ist nicht schwierig …«
Er zeigte es mir, ich machte es nach, und es war tatsächlich nicht schwierig. Ich war sogar überrascht, wie einfach es ging. Die Haut an einer Stelle hinter dem Vorderlauf zwischen Daumen und Mittelfinger nehmen, ein bisschen nach oben ziehen, dann den Zeigefinger dagegen halten und unterhalb der Fingerkuppe die Nadel hinein stechen. Fritzchen schien gar nichts zu spüren dabei, er zuckte nicht einmal.
Über mehrere Wochen hinweg gab ich ihm jeden Tag eine Spritze. Anfangs schien er mehr Appetit zu zeigen, aber das war wohl nur Einbildung oder Hoffnung, denn er wurde zusehends dünner und schwächer. Als ich vom Arzt wissen wollte, woran ich erkennen könne, ob oder wann Fritzchen leidet, meinte er, das brauche er mir im Detail nicht zu schildern, ich würde es merken. Bevor ich los heulte, konnte ich gerade noch fragen, ob er denn einen Hausbesuch machen würde – wenn es so weit sei. Ja, würde er machen, sagte er.
Eine neue Futtersorte aus dem Tierladen fraß Fritzchen nur wenige Tage, dann verlor er das Interesse daran. Damit er nicht verhungerte, fütterte ich ihn mit gekochtem Huhn und Fisch. Das schmeckte ihm anfangs, doch dann ließ der Appetit auch dafür nach. Über jedes winzige Häppchen, das er mit großer Überredungskunst meinerseits zu sich nahm, war ich glücklich. Trotzdem wurde er dünner und dünner, und manchmal war er so schwach, dass beim Gehen die Beinchen unter ihm weg sackten. Ich holte das Katzenklo aus dem Keller, für den Gang in den Garten hatte der kleine kranke Kerl keine Kraft mehr.

Dann kamen die traurigsten Weihnachten meines Lebens, die letzten mit Fritzchen. Er schlief nicht mehr in meinem Bett auf der Galerie, das Treppensteigen war zu anstrengend. Er schaffte es gerade noch, auf das Sofa zu gelangen, wo er den ganzen Tag verbrachte, mit dem Gesicht zur Wand. Hin und wieder torkelte er zu seinem Klo oder in die Küche, um Wasser zu schlabbern. Das waren seine einzigen Aktivitäten. Auch schmusen wollte er nicht mehr. Der endgültige Abschied stand bevor, das wussten wir beide. Das vor zwei Monaten noch halb volle Glas war leer.

katzenbuchEinen Tag vor Silvester weckte mich am frühen Morgen ein Geräusch, das ich in den letzten Wochen nur allzu oft gehört hatte: Fritzchen würgte erst und übergab sich dann. Dieses Mal aber wurde der bemitleidenswerte Vorgang von einem Mark erschütternden Schrei begleitet. Nie zuvor hatte ich einen derart gequälten Laut vernommen. Wie ein Messer drang er in mein Herz.
»Sie merken, wenn er leidet«, hatte der Tierarzt gesagt.
Mit schwerer Hand griff ich zum Telefon …

Die Geschichte stammt aus meinem Katzenbuch: Auf leisen Sohlen

Alle meine Katzen

Kater Putzel

Über viele Jahre hinweg hatte ich mit Katzen nichts am Hut. Das liegt wohl daran, dass ich in einem Bauerndorf aufgewachsen bin. Dort waren Katzen nicht zum Kuscheln da, sondern zum Mäuse fangen. Aus diesem Grund wurden sie genauso behandelt wie Kühe, Schweine, Hühner und andere Nutztiere: emotionslos. Aus diesem Grund schliefen Katzen auch nicht auf dem Sofa oder im Bett, sondern im Stall oder im Heuschober. Falls sie sich doch mal ins Haus wagten, weil es sie zur warmen Ofenbank oder zum Speck auf dem Küchentisch zog, wurden sie weg gescheucht. Aus diesem Grund waren sie scheu und kratzbürstig.

Kratzbürstig im wahrsten Sinn des Wortes, denn war ich hin und wieder doch flink genug, eine beim Milch schlabbern zu ergreifen und an mich zu drücken, dann schnurrte sie nicht, sondern fauchte, schlug mir die Krallen ins Gesicht und rannte mit peitschendem Schwanz davon. Für so eine unfreundliche Gattung konnte ich mich nicht erwärmen. Doch im Laufe der Zeit habe ich Katzen erlebt, die mir nicht die Krallen ins Gesicht schlugen, sondern zart die Pfote an meine Nase stupsten, sich mit vertrauensvoll geschlossenen Augen an meinen Bauch schmiegten und leise schnurrend einschliefen. Diese Erfahrung hat meine Einstellung Katzen gegenüber grundlegend verändert, und innerhalb der letzten zwanzig Jahre haben sich sieben dieser Gesellen auf leisen Sohlen in mein Leben geschlichen. Vier leben nicht mehr, die anderen drei erfreuen sich bester Gesundheit und führen ein bequemes und komfortables Leben.

Ihr Zuhause befindet sich in einem kleinen Ort am Westufer des Ammersees, im Dachgeschoss eines Mehrfamilienhauses, wo eine Katzenleiter von der Dachrinne in den Garten ihnen die Möglichkeit gibt, rein und raus zu marschieren, wann immer sie wollen. Weit entfernt von verkehrsreichen Straßen, Eisenbahnlinien und Mähmaschinen dösen sie in der Sonne, streunen stundenlang durch anliegende Grundstücke und das nahe gelegene Wäldchen und erbeuten auf ihren Ausflügen nicht nur die obligatorischen Mäuse, sondern auch Blindschleichen, Frösche, Vögel, Grillen und Maikäfer. Eine Fledermaus war auch schon dabei, ein blasser Goldfisch aus dem Teich eines Nachbarn ebenfalls.

Jedes Beutetier wird nach Hause gebracht und stolz präsentiert. Und obwohl es mir in der Seele weh tut, so ein niedliches Mäuschen piepsend in meinem Wohnzimmer herum rennen zu sehen, wo es (vergeblich) einen Fluchtweg sucht, habe ich Rettungsversuche mittlerweile aufgegeben. Denn kaum hätte ich es wieder in den Garten verfrachtet, läge ein anderer pelziger Jäger schon auf der Lauer. Also mische ich mich in den Lauf des Schicksals nicht mehr ein – auch wenn es mir schwer fällt.

Die meisten dieser Beutetiere werden nicht verspeist, sondern dienen als Spielzeug. Besonders beliebt sind Blindschleichen, weil die sich so nett auf dem Boden entlang schlängeln. Wie viele davon ich im Laufe der Jahre wieder in den Garten befördert habe, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es eine Menge war, weil meine Katzen mir im Sommer im Halbstundenrhythmus eine vor die Füße legen. Die meisten haben ihre Schwanzspitze abgeworfen. In Gefahrensituationen pflegen sie das zu tun, angeblich in der Hoffnung, der Jäger beschäftige sich mit dem nutzlos gewordenen Körperteil, während sie selbst das Weite suchen. Bei meinen Katzen haben sie sich aber verrechnet.

Eine Katze ist ein äußerst eigenwilliges Geschöpf und macht grundsätzlich nur das, was sie will. Den Zeitpunkt dafür bestimmt sie ebenfalls. Habe ich beispielsweise einen Termin beim Tierarzt, kann ich sicher sein, dass sie sich aus dem Staub gemacht hat. Ich kann rufen oder pfeifen solange ich will. Als hätte sie den siebten Sinn, ist und bleibt sie verschwunden, liegt wahrscheinlich unter einem Strauch und grinst sich einen. Den Termin beim Tierarzt kann ich verschieben und ihn bitten, mir einen Spontantermin zu gewähren, sobald sie sich mal wieder in der Wohnung aufhält. Ist das irgendwann der Fall, taucht bereits das nächste Problem auf. Denn kaum stehe ich mit dem Katzenkorb in der Tür, flitzt sie unters Bett und verkriecht sich in die hinterste Ecke. Ich kann mich lang machen wie ich will, ich erreiche sie nicht. Also muss ich zu einer List greifen. Sie irgendwo hinlocken, wo sie mir nicht entwischen kann. In die Küche beispielsweise.

Gut, dann ist sie zwar in der Küche, aber noch lange nicht im Korb. Eine Katze in einen Korb zu bugsieren, so denkt sich der Laie vermutlich, das dürfte doch kein Problem sein. Falsch gedacht! Im Allgemeinen liebt eine Katze zwar höhlenartige Refugien, doch sobald sich eines davon als Transportmittel zum Tierarzt entpuppt, ist es vorbei mit der Liebe. Sie fährt die Krallen aus, faucht, beißt und streckt alle Viere von sich. Auf diese Art und Weise bekommt man eine Katze nie in den Korb. Zumindest nicht ohne Blessuren an Händen und Armen.

Durch gutes Zureden vielleicht? Nein, das funktioniert auch nicht. Die Erinnerung an ein nach Desinfektionsmitteln riechendes Ambiente und einen Weißkittel mit pieksender Nadel ist stärker als ein beruhigendes Timbre. Ihr mit lauter Stimme zu befehlen, sich nicht so anzustellen, man wolle schließlich nur ihr Gutes, ist allerdings genauso ergebnislos. Also, was tun? Jemanden zu Hilfe zu holen, um zu zweit das widerborstige Tier in den Korb zu verfrachten? Nein, das ist nicht nötig, denn es gibt einen probaten Trick. Ich habe ihn von einem älteren, sehr erfahrenen Tierarzt, der angesichts meiner zerkratzten Arme grinste und meinte, ich solle die Katze ganz einfach am Genick packen – so wie eine Katzenmutter ihr Junges zur Räson bringt. Mit diesem Griff erlahme bei der Katze jeder Widerstand, erklärte der Arzt. Egal wie alt sie sei. Dieser Reflex sei einfach in ihren Genen verankert.

Und, was soll ich sagen?

Es ist kaum zu glauben, aber der Trick funktioniert. Ein behänder Griff in den Nacken des Tieres, und die eben noch widerborstig von sich gestreckten Pfoten hängen schlaff am Körper, und in Nullkommanix befindet sich der Liebling im Korb. Aus dem guckt er dann mit großen Augen heraus und scheint genauso zu staunen wie man selbst.

Große Augen macht eine Katze übrigens nicht nur, wenn sie staunt, sondern auch dann, wenn sie sich verständnislos oder unschuldig gibt. Zum Beispiel, wenn ich schimpfend auf den Teller deute, der blütenrein inmitten anderer auf dem Esstisch steht, und durch nichts mehr daran erinnert, dass jemals drei Scheiben Lachs oder sonst ein Leckerbissen auf ihm gelegen haben könnte. Mit weit geöffneten Augen schaut die Katze mich an, und ich könnte schwören, sie zuckt mit den Schultern, so als wolle sie sagen, ich wasche meine Pfoten in Unschuld.

Ähnlich läuft es ab, wenn sie bei Regenwetter pitschnass durch die Katzenklappe brettert. Ich sitze auf dem (mit hellem Leinen bezogenen!) Sofa, schaue ihr mit gerunzelter Stirn entgegen, hebe den Zeigefinger und sage „komm ja nicht auf die Idee, hier hoch zu springen.“ Die Katze steht vor mir, schaut mich (wieder mit sehr großen Augen) an, hopst aufs Sofa, macht eine kleine Trampelrunde, putzt sich ausgiebig und ringelt sich dann inmitten niedlicher brauner Pfotenspuren zum Nickerchen ein. Bevor sie in Schlaf fällt, wirft sie mir noch einen zufriedenen Blick zu.

Viele Katzenbesitzer behaupten, gerade diese Eigenwilligkeit sei es, die sie an ihren Stubentigern so schätzen. Was mich betrifft, kann ich mich dieser Aussage nicht anschließen. Ich liebe meine Katzen nicht wegen, sondern trotz ihrer Eigenwilligkeit.

Übrigens: mein Sofa ziert längst eine katzenpfoten-resistente Schondecke – mit hübschem Tigermuster.

KatzenbuchDie Geschichte stammt aus meinem Katzenbuch. Bestellen kann man es in der Bücherstube von Edition Blaes.

Weihnachten aus der Sicht von Kater Fritz

weihnachtsgeschichten

Eine Geschichte aus Advent, Advent …

Weihnachten ist allgemein sehr beliebt. Zumindest bei den Menschen. Obwohl in dieser Zeit angeblich am meisten gestritten wird. Wozu also Weihnachten? Ich zumindest brauche es nicht. Aus verschiedenen Gründen.

Als Erstes muss ich an dieser Stelle mit der weitverbreiteten Ansicht aufräumen, die Weihnachtszeit sei die »stade« Zeit. Von wegen! Ich kenne keine Zeit, in der so viel Lärm produziert wird, wie im Dezember. Überall bimmeln Glocken, aus sämtlichen Lautsprechern ertönt die schrecklichste Musik, die man sich als Katze vorstellen kann, und überhaupt ist die Weihnachtszeit eine Zeit, der ich nichts Positives abgewinne.

Das fängt schon damit an, dass um diese Zeit etwas vom Himmel fällt, was ich nicht leiden kann: Schnee. Den Flocken hinterher zu springen, ist ja noch einigermaßen lustig, macht aber nur beim ersten Mal Spaß, danach wird’s langweilig, weil die kleinen weißen Dinger sich im Nu in Luft auflösen, in Wasser besser gesagt. Und Katzen mögen – bis auf einige sehr merkwürdige Ausnahmen – kein Wasser. Erschwerend kommt hinzu, dass dieser Schnee, wenn er sich dann gleichmäßig überall verteilt, anfangs ja ganz hübsch aussieht und man prima darin herumpflügen kann, aber genauso schnell wird daraus ein brauner, hässlicher Matsch, und keine Katze, die was auf sich hält, watet gern im Matsch herum. So, das zum Thema Draußensein in der Weihnachtszeit, abgesehen davon, dass es kalt ist und ich persönlich warme Temperaturen vorziehe – in der Wohnung zum Beispiel.

Apropos Wohnung. In der Weihnachtszeit stehen dort überall Kerzen rum. Das beginnt am ersten Advent ganz harmlos mit einer Kerze. Das heißt, auf dem Tisch stehen zwar vier, angezündet wird aber erst mal nur eine. Der Grund dafür entschließt sich meiner Kenntnis, wird aber schon seine Berechtigung haben. Warum meine Familie diese Dinger überhaupt braucht, ist mir ein Rätsel, schließlich leben wir in einem fortschrittlichen Haushalt und haben elektrisches Licht. Das ist eine praktische Sache. Man braucht nur ein Knöpfchen zu drücken und schon ist es hell. Aber nein, es müssen unbedingt Kerzen sein, diese stinkenden Dinger. Und gefährlich sind sie auch noch. Mir ist da nämlich mal was passiert, mein lieber Scholli! Ich hab es mir ganz arglos auf dem Tisch bequem gemacht. Dabei muss ich zugeben, dass ich das eigentlich nicht darf, aber um Verbote kümmere ich mich nur, wenn’s unbedingt sein muss. Mittlerweile haben sie (meine Familienmenschen) das zähneknirschend akzeptiert, auch wenn sie mich hin und wieder mit vorwurfsvollen Blicken bedenken. Aber da steh ich drüber …
Also, ich lümmle auf dem Tisch rum, als ich plötzlich so ein Gefühl am Schwanz spüre. Ein sehr heißes Gefühl, präzise gesagt. Und da war’s auch schon passiert: Sämtliche Haare an meiner Schwanzspitze hat’s verschmurgelt. Das hat sehr weh getan, gestunken hat’s wie die Pest und ein schöner Anblick war’s auch nicht, das kann ich dir sagen. Total nackt, mein Schwanzende. Peinlich, peinlich! Wer entblößt sich denn schon gern. Wie das passieren konnte, ist mir ein Rätsel. Gott sei Dank ist mein Haarkleid mittlerweile wieder komplett. Aber trotzdem … die ganze Pein nur wegen einer blöden Kerze.
Aber Kerzen allein reichen ja nicht, nein, die ganze Wohnung muss dekoriert werden. Kugeln, Bänder, Tannenzweige, Lichterketten und all so’n Kram. Im Grunde wäre ja nichts dagegen einzuwenden, weil man prima damit spielen kann. WENN MAN DARF! Aber ich darf nicht. Nein, ich krieg so richtig Ärger, krieg böse Worte an den Kopf geworfen und werde weggescheucht. Das muss man sich mal vorstellen! Also, wofür das ganze Zeug, wenn man nicht mal damit spielen darf? Völlig überflüssig! Für die Katz’ sozusagen, aber dieser Spruch ist ja sowieso gelogen. Alles, was für die Katz ist, ist grundsätzlich nie für die Katz – das weiß ich aus Erfahrung.

Das Nächste, was mich an der Weihnachtszeit stört, ist der Besuch. Permanent klingelt’s an der Tür und irgendjemand steht auf der Matte. Wirklich lästig! Die meisten Menschen kenn ich nicht mal, und sie stellen sich auch nicht vor. Dafür belagern diese fremden Typen ganz frech meine Lieblingsplätze: das Sofa und die Sessel. Wenn sie wenigstens was mitbringen würden – für mich, meine ich. Aber nein, Geschenke kriegt bergeweise meine Familie, die Besucher hocken rum, essen und trinken (und reden und lachen – laut!), und ich gehe leer aus. Sehr egoistisches Verhalten, finde ich. Aber so sind sie halt, die Menschen, denken immer nur an sich. Die Belästigung wird noch dadurch gekrönt, dass sie mir dauernd auf den Pelz rücken. Da haben sie sich aber verrechnet! Und schon so manch einer hat für seine Aufdringlichkeit die Quittung bekommen: ein paar hübsche Kratzer an den Händen, manchmal auch an anderen Stellen. Ich lass mich schließlich nicht von Fremden begrapschen.
Höhepunkt der Weihnachtszeit ist der 24. Dezember. Da schleppt meine Familie einen Baum in die Bude. Ja, richtig gelesen, einen Baum! Als gäb’s im Garten nicht genügend Bäume … nein, am Heiligen Abend, so nennen sie diesen Tag (was daran heilig ist, habe ich noch nicht rausgefunden), muss ein Baum die Gegend versperren. Damit nicht genug, muss dieses pieksende und Nadeln abwerfende Teil dann auch noch »verschönert« werden. Man lese und staune! Ja, die gesamte Familie versammelt sich um das grüne Gewächs und hängt Girlanden und Kugeln an die Zweige. Und nicht zu vergessen: Kerzen! Und die werden dann natürlich angezündet. Das allein reicht aber immer noch nicht, denn es werden auch noch andere Dinger angezündet. »Wunderkerzen« heißen die Funken spuckenden Drähte. Da kann man als Katze nur blitzschnell Fersengeld geben.

kater

Wenn die Kerzen alle brennen und die Wunderkerzen alle spucken (sollten besser »Spuckkerzen« heißen, die Dinger), wird gesungen. Auweia, kann ich da nur sagen, denn von guter Musik haben Menschen wirklich keine Ahnung, das ist in Katzenkreisen hinlänglich bekannt. Aber ich bin tolerant und behalte das für mich – normalerweise. Hier und heute mache ich eine Ausnahme: Diese Singerei ist zum Weglaufen! Vorzugsweise laufe ich in die Küche. Denn während im Wohnzimmer das große Remmidemmi veranstaltet wird, findet in der Küche etwas sehr Spannendes statt: Im Backofen brutzelt ein Tier. Ich vermute, es ist tot. Normalerweise verabscheue ich tote Tiere, doch in diesem Fall sieht die Sache anders aus. Es handelt sich nämlich um eine Gans. Und ich muss sagen, sie mundet. Sie mundet sogar ausgezeichnet. Ich weiß das deshalb, weil ich der Vorkoster meiner Familie bin. Und in dieser Funktion zählt es zu meinen Pflichten, meine Lieben vor Schaden zu bewahren, und dazu wiederum zählt, dass ich alles, was auf den Tisch kommt, probiere. Leider muss ich das heimlich machen, weil es aus irgendeinem – mir nicht bekannten – Grund nicht gern gesehen wird, dass ich die Speisen auf Geschmack und Nährwert hin untersuche. Und um ganz ehrlich zu sein, muss ich gestehen, dass ich oft gar nicht der Vor-, sondern der Nachkoster bin. Nicht freiwillig, nein, gezwungenermaßen! Denn entweder verstecken sie die Leckereien oder stehen direkt daneben und hauen mir auf die Pfoten, wenn ich meiner Pflicht nachkommen möchte. »Undankbarkeit ist der Welt Lohn«, kann ich da nur sagen. Lediglich ab und zu lassen sie sich herab, mir ein paar mickrige Bröckelchen zu servieren. Im Großen und Ganzen aber habe ich Glück mit meiner Familie, und Weihnachten geht ja auch irgendwann vorbei. Das ist das einzig Gute daran. Was wenige Tage danach über einen hereinbricht, ich meine damit Silvester, ist fast noch schlimmer, aber darüber spreche ich ein anderes Mal.

Auf Samtpfoten direkt in mein Herz

Eine Geschichte aus dem Buch “Auf Samtpfoten direkt in mein Herz”

Er ist der Nachfolger meiner großen Liebe, dem schielenden Kater Fritz. Ungefähr ein halbes Jahr war er alt, als ich ihn entdeckte.

Fritzchen hatte gerade mal zwei Tage zuvor seine Reise in den Katzenhimmel angetreten, als Freunde meinten, ein kleines Kätzchen sei bestimmt gut für mein trauriges Gemüt. Ein pelziges Trostpflaster sozusagen. Im ersten Moment empfand ich das als pietätlos, sah dann aber schnell ein, dass meine einsame Trauer niemandem etwas nützen würde. Weder Fritzchen noch mir. Seine Seele schien immer noch um mich herumzuschweben, ich träumte von ihm, und wenn ich nach Hause kam, empfand ich die katerlose Wohnung als trist und leer. Also machte ich mich auf den Weg. Nicht ins Tierheim, sondern zu einer Frau, die so eine Art Auffangstation für unerwünschte und ausgesetzte Katzen unterhält. Auf engem Raum wuselten ungefähr zwanzig Katzen herum, unter anderem ein kleiner Kater, gemustert wie eine norddeutsche Schwarz-Weiß-Kuh. Er zitterte, schaute mich mit weit aufgerissenen grünen Augen verängstigt an, und in diesem „Augenblick“ wusste ich, dass genau dieses Kuhkaterchen es sein musste, mit dem ich nach Hause fahren würde. Und ich gab dem unglücklich dreinschauenden Kater spontan den Namen Felix. Felix, der Glückliche.

kater-felix

Felix, der noch Unglückliche, hatte keine guten Erfahrungen mit Menschen gemacht. „Der Bauer hat ihn aus dem Stadel geprügelt“, berichtete die tierliebende Frau. Vermutlich hatte sie recht, denn die ersten Wochen verbrachte Felix mehr oder weniger unterm Sofa, nur zum Fressen verließ er sein Refugium. In geduckter Hab-Acht-Haltung schlich er in die Küche, verputzte ruckzuck sein Futter und flitzte dann wieder unters schützende Sofa. Ich ließ ihn in Ruhe, und allmählich entwickelte er Vertrauen. Statt unter dem Sofa lag er immer öfter oben drauf, zwischen die Kissen gekuschelt. Allmählich begann er dann, sein neues Zuhause zu erkunden, wanderte durch die Räume, schnupperte an den Pflanzen auf Terrasse und Balkon und irgendwann tippelte er auch die Treppe zur Galerie hoch. Von da an schlief er in meinem Bett.

Felix sollte ein Wohnungskater sein. Das schien mir sicherer. Fritzchen hatte ich zwar rausgelassen, aufgrund seines vorsichtigen Wesens aber keine Angst, dass er Reißaus nehmen könnte. Er war immer in Sichtweite geblieben, und wenn ich nach ihm gerufen oder gepfiffen hatte, kam er angerannt – wie ein Hündchen. Ob Felix auch so „brav“ sein würde, wusste ich nicht, und wollte es auch gar nicht drauf ankommen lassen. So unternahm er seine Ausflüge nur aufs Dach, schaute auf dem First den Vögeln nach, nahm Sonnenbäder auf der Terrassenbrüstung, döste in Blumenkübeln und drückte dabei die Pflanzen platt. Alles in allem schien er mit seinem Leben als Wohnungskatze zufrieden zu sein. Doch eines Tages war er verschwunden. Nichts zu sehen von ihm. Auf dem Dach nicht, auf der Terrasse nicht, auf dem Balkon auch nicht. Ich untersuchte die ganze Wohnung, schaute unters Bett und in jedes Regal und steckte meinen Kopf im Schrank unter die Klamotten – keine Spur von Felix. Das gibt‘s doch nicht. Wo hatte der Racker sich nur versteckt? Dass Katzen diese Disziplin perfekt beherrschen, hatte ich längst mitgekriegt. Die pelzigen Mitbewohner finden Raum im kleinsten Winkel. Aber irgendwann entdeckt man sie doch – vielleicht. Meistens allerdings verlassen sie ihr Versteck von allein, wenn sie Hunger haben zum Beispiel.

Mein Kuhkater tauchte nicht auf. Dass er im Gegensatz zu Fritzchen durchaus nicht immer kommt, wenn ich nach ihm rufe, war mir schon geläufig. Vielleicht hockte er auf der anderen Dachseite auf der Schornsteinfeger-Leiter, ließ sich dort von der Nachmittagssonne den Pelz wärmen und den Herrgott einen guten Mann sein. Ich ging nach unten in den Garten und graste mit meinem Blick die andere Dachseite ab. Nichts zu entdecken von Felix. Ratlos schaute ich mich um, als plötzlich eine Art weißer Blitz durch die Sträucher huschte. Felix. Wie war der kleine Schlawiner denn in den Garten gelangt? Na ja, vermutlich in einem günstigen Moment durch die Wohnungstür entwischt. Vielleicht, als der Briefträger mir Post überreichte oder ich Müll rausbrachte.

Nach längerer Jagd, die ihm sichtlich Spaß machte, konnte ich den Ausreißer einfangen und nach oben tragen. Wenige Minuten später rannte er bereits wieder durch den Garten. Nicht durch magische Kräfte eines überirdischen Wesens dort hin gezaubert, sondern durch seinen unbändigen Freiheitsdrang. Denn kaum hatte ich ihn im Wohnzimmer auf die Füße gestellt, spurtete er auf die Terrasse, sprang leichtfüßig auf die Brüstung, von dort aufs Dach, lief zielstrebig in Richtung Dachfirst und entschwand meinem Blickfeld. Ich eilte zum Balkon, streckte meinen Oberkörper übers Geländer und bekam gerade noch mit, wie der Ausreißer in der Regenrinne der anderen Dachseite stand, sich duckte, zum Sprung ansetzte und wenige Sekunden später auf allen Vieren geschmeidig im Garten landete, genau zwischen Katzenminze und Pfingstrosen. Drei Meter im freien Fall waren für den kleinen Burschen ein Klacks, damit hatte ich nicht gerechnet. Von da an war mein Kater ein Freigänger. Allerdings ließ ich mir vom Schreiner eine Katzenleiter anfertigen. Felix konnte zwar die drei Meter nach unten leicht überwinden, hochspringen konnte er sie allerdings nicht. Und ich hatte keine Lust, für Herrn Kater die Türöffnerin zu spielen.

Elf Jahre ist das Ganze nun her, und Felix genießt seine Freiheit, was ich gut verstehe. Es macht schließlich mehr Spaß, sich im Gras rumzuwälzen, durchs Unterholz zu streichen, die Nachbargärten zu inspizieren und im nahe gelegenen Wäldchen auf Pirsch zu gehen, als tagein, tagaus auf derselben Terrasse rumzulümmeln. Es ist doch viel aufregender, Mäuse, Blindschleichen, Frösche und anderes Getier zu erbeuten, als das Futter vor die Nase gestellt zu bekommen. Es ist doch viel spannender, seinen Lieblingsfeind, den Nachbarkater, nicht nur von oben zu beobachten, sondern ihm gut getarnt unter einem Strauch auflauern, im richtigen Moment von hinten angreifen und dann richtig verdreschen zu können. Schließlich war Felix zuerst hier. Der Garten ist sein Revier, und das gilt es, zu verteidigen. Entschlossen, lautstark, mit fliegenden Fellfetzen und leider auch mit regelmäßigen Verletzungen. So ist es dem Rivalen doch tatsächlich gelungen, Felix‘ Nickhaut an einem Auge zur Hälfte aufzuschlitzen. Dass der Augapfel dabei nichts abbekommen hat, grenzt an ein Wunder. Bis auf diese Rivalität und die damit zusammenhängenden Kämpfe ist Felix ein ausgesprochen ausgeglichener und friedfertiger Zeitgenosse. Er faucht nicht, er beißt nicht und er kratzt nicht. Er lässt Möbel und Vorhänge in Ruhe und er klaut nicht. Felix zeigt die Gelassenheit eines Buddhas. So ein östlicher Zeitgenosse ist mir zwar noch nicht persönlich über den Weg gelaufen, aber ich stelle mir seine Gemütsverfassung so vor: Stets entspannt im Hier und Jetzt und von der Überzeugung erfüllt, dass alles im Leben seinen Sinn hat und es demzufolge unsinnig ist, sich über Widrigkeiten aufzuregen oder sie gar bezwingen zu wollen. Nein, man sollte die Dinge des Lebens so nehmen, wie sie kommen. Damit erträgt man sie am leichtesten. Genauso kommt Felix mir vor, er ist die Katze gewordene Gelassenheit.

Er hockt auch nicht vor dem leeren Futternapf und nervt wie Lies-chen mit lautem, ungeduldigem Geschrei. Nein, wenn Felix Hunger hat, und er hat oft Hunger, sitzt er stumm vor dem Napf, stiert unbeweglich geradeaus und weiß genau, dass ich diese lautlose Vorwurfshaltung nicht lange ertrage, sondern ihn mit Nahrung versorge. Ist er gesättigt, hockt er sich trotz vorhandener Katzenklappe mit ähnlich starrem Blick vor die Terrassentür. Zumindest in kühlen und kalten Jahreszeiten – bei warmen Temperaturen steht die Tür offen.

Manchmal lasse ich es drauf ankommen und beobachte ihn aus dem Augenwinkel. Reglos wie eine Statue hockt er vor der Tür und schaut durch die Scheibe. Unendlich lang. Ich sagte ja bereits, er ist die personifizierte Gelassenheit und verfügt über erstaunliche Ausdauer. Zwischendurch allerdings dreht er den Kopf zu mir und bedenkt mich mit einem vorwurfsvollen Blick. Meistens öffne ich dann die Tür. Aber eben nicht immer. Manchmal grinse ich in mich hinein und bleibe stur. Hat er das irgendwann begriffen, tappt er gottergeben zur Katzenklappe. Während Lili wie ein geölter Blitz durch die Klappe schießt, hockt er sich erst mal davor und überlegt, ob sich nicht doch eine andere Möglichkeit findet, nach draußen zu gelangen. Zumindest vermittelt er diesen Eindruck. Nachdem keine Alternative in Sicht ist, zwängt er sich umständlich, missmutig und sehr langsam durch die Klappe. Erst die rechte Vorderpfote, dann der Kopf, dann die linke Vorderpfote, dann folgt der Rest. Auf der Terrasse angelangt, nimmt er wieder erstmal Platz und schaut verträumt in den Himmel. Dann steht er auf, streckt sich ausgiebig, hüpft auf den Blumenkübel und von dort auf die Terrassenbrüstung. Dort nimmt er wieder Platz und denkt nach. Worüber? Keine Ahnung. Hat er lange genug nachgedacht, erhebt er sich, tippelt an den Blumentöpfen vorbei aufs Dach und dort zielstrebig in Richtung Katzenleiter, die an der Regenrinne befestigt ist und steil nach unten führt. An der Katzenleiter angelangt, nimmt er auch wieder erst Platz und legt seine vorläufig letzte Denkpause ein. Die kann Minuten dauern, schließlich hat er keine Eile. Irgendwann rafft er sich auf und beginnt den Abstieg. Sein Kopf verschwindet in den Zweigen eines Forsythienstrauches, zum Schluss sehe ich nur noch die hoch aufgerichtete schwarze Schwanzspitze, dann ist er weg.

Wenn ich fix einen Stock höher laufe und aus dem Westfenster schaue, kriege ich gerade noch mit, wie er unten im Garten aus dem Gebüsch kriecht und zielstrebig zum Nachbargrundstück stiefelt. Dort quetscht er sich unterm Gartenzaun durch, schlendert über die Wiese und entschwindet meinem Blickfeld. Bis er wieder auftaucht, vergehen Stunden. Keine Ahnung, was er in dieser Zeit macht. Ob er im Wäldchen rumstromert oder bei den Nachbarn einfach unter einem Strauch sein Nickerchen hält – ich werde es wohl nie erfahren. Auf alle Fälle ist er immer in der Nähe. Denn wenn ich pfeife, kommt er angezockelt. Meistens. Aber nicht immer. An heißen Sommertagen zum Beispiel kann ich pfeifen, solange ich will, er reagiert nicht. Liegt bestimmt irgendwo im Schatten und denkt (mal wieder): „Lass sie doch pfeifen, bei der Hitze bewege ich mich keinen Millimeter von hier weg.“

Einmal allerdings haben mir Nachbarn ein Foto geschickt. Mein Kater faul auf ihrem Gartentisch, im Schatten eines Apfelbaumes. Immerhin ein kleiner Hinweis, wo mein pelziger Untermieter so rumlungert. Ich habe schon damit geliebäugelt, ihm eine kleine Kamera um den Hals zu binden, die alle paar Sekunden eine Aufnahme macht – gibt es tatsächlich, für genau solche Zwecke – weil es mich doch sehr interessiert, was er so alles treibt auf seinen Ausflügen. Aber es ist dann bei der Liebäugelei geblieben. Ich muss ja nicht alle Geheimnisse meines Mitbewohners aufdecken. Ein bisschen Privatsphäre braucht schließlich jeder. Auch ein Kuhkater.


Buch kaufen