Fritzchen

Kater FritzKater Fritz

Bis vor kurzem drei Katzen, jetzt nur noch eine. Die Wohnung wirkte leer und verwaist. Die Hoffnung, dass Putzel doch noch auftauchte, wurde von Tag zu Tag geringer. Nach drei Monaten fand ich mich damit ab, dass ich ihn nicht mehr wieder sehen würde, und es liefen auch keine Tränen mehr über meine Wangen, wenn ich an ihn dachte oder sich jemand nach ihm erkundigte. Nur in meinem Bauch hatte sich so ein Gefühl von Traurigkeit eingenistet
Die Frage, Mucki rauszulassen oder nicht, war mit Putzels Verschwinden vom Tisch. Ihr Terrain waren Wohnung und Dach. Das hatte ich entschieden und lehnte jede weitere Diskussion kategorisch ab. Solche unerträglich zäh sich dahin ziehenden Wochen der Ungewissheit und Hilflosigkeit wollte ich nicht mehr erleben.

Mucki schien meine Entscheidung erstaunlicherweise wenig auszumachen. Nachdem sie ein paar Mal vergeblich miauend vor der Wohnungstür stand, hatte sie wohl begriffen, dass die Zeit der großen Freiheit nur eine Episode gewesen war. Unglücklich wirkte sie dabei nicht. Allerdings hatte ich den Eindruck, dass nicht nur ich meinen Liebling vermisste, sondern auch Mucki ihren Spielgefährten.

»Was hältst du davon, wenn wir ins Tierheim fahren?«, sagte ich, Anfang September. Richard nickte, und wir machten uns auf den Weg. Ein ganz junges Kätzchen sollte es sein, das wäre besser zu integrieren. Diese Erfahrung hatten wir ja schon hinter uns.

Die Abteilung für Katzenbabys stellten wir uns gemütlich und kuschelig vor. Gedimmtes Licht, weich gepolsterte Körbchen, niedliches Spielzeug. Die Realität war anders. Grelle Neonleuchten, auf kaltem Estrich ein paar Handvoll Stroh und dazwischen zwei flache Kisten. Futter in der einen, Katzenstreu in der anderen. In dieser tristen Umgebung wuselten winzige Katzen herum, gerade mal sechs Wochen alt.

Welche sollten wir nehmen? Nach welchen Kriterien auswählen? Sie sahen alle gleich aus. Unterschieden sich lediglich in Farbe und Musterung. Doch plötzlich fiel mir ein Kätzchen ins Auge. Es hatte ganz dünne Beinchen und ein dickes Bäuchlein. Ungelenk tappte es zwischen seinen Artgenossen umher und wirkte irgendwie hilfsbedürftiger als die anderen. Ich deutete auf das Kätzchen und Richard nickte.

»Das ist ein kleiner Kater«, sagte die Pflegerin, nachdem sie einen kurzen Blick unter den Schwanz unseres Kandidaten geworfen hatte. Sie schien ein Profi in der Bestimmung von Geschlechtsmerkmalen zu sein, denn weder Richard noch ich konnten nachvollziehen, weshalb sie sich so sicher war. Aber sie hatte recht, wie sich später herausstellte.

»Wir brauchen keinen Karton«, sagte ich entrüstet, als die Frau an der Rezeption den Kater in einen Karton stecken wollte. Er war so winzig, dass er genau in meine Hände passte. Zitternd kuschelte er sich zwischen die Finger. Sein Herzchen klopfte. Ich steckte meine Nase in sein flauschiges Fell und raunte ihm beruhigende Worte ins Öhrchen.

Baustellenlärm, Sommerhitze. Der kleine Kater hatte Angst und schrie, während wir durch die Stadt fuhren. Die piepsige Stimme überschlug sich. Er hechelte und schwitzte. Ich steckte meine Nase wieder in sein Fell und redete ihm gut zu. Es nutzte nichts. Verzweifelt schrie er weiter, bis wir zu Hause ankamen. Doch dann war Ruhe. Erschöpft ließ er sich auf dem Fußboden nieder. Mucki kam angelaufen, setzte sich einen Meter neben ihn und schaute ihn neugierig an. Neugierig schaute er zurück. Kein Fauchen, kein Knurren. Sie mochten sich auf Anhieb.

Wir nannten ihn Fritz. Irgendwie passte dieser Name zu ihm. Ich weiß auch nicht genau, warum. Er passte einfach.

Fritz schielte. Mit beiden Augen. Sie schauten nach innen, in Richtung Nase. Immer, wenn ich ihn anschaute, musste ich lächeln. Es war Liebe auf den ersten Blick, aber das wurde mir erst viel später bewusst.

Fritz ging auf Entdeckungsreise und tapste auf dünnen Beinchen durch die Zimmer. Ich beobachtete ihn dabei und hatte Angst, er könne zusammenbrechen. Er war so winzig und wirkte so zerbrechlich. Der schielende kleine Kater stand vor dem Bett und wollte hoch springen. Das funktionierte aber nicht. Immer wieder purzelte er runter. Doch er gab nicht auf und schaffte es irgendwann. Er schlug seine kleinen Krallen in die runterhängende Bettdecke und zog sich hoch. Schwupps, schwupps, schwupps. Glücklich oben angekommen, tippelte er über die Decke, und ließ sich auf das dicke Kissen plumpsen. Er war zu Hause, das wusste er. Erleichtert schielte er mich an. Wenige Sekunden später war er eingeschlafen. Mucki saß am Fußende und bewachte ihn.

»Der wird mal ziemlich groß. Das sieht man an seiner Kopfform«, sagte die Tierärztin, als sie ihn ein paar Monate später seiner Eierchen beraubte. Erst hatte ich ein schlechtes Gewissen, dann aber dachte ich mir, wozu braucht ein Dachkater Eierchen. Denn das Dach war sein Revier. Dort machte er Spaziergänge, besuchte die Nachbarn, balancierte wie ein Seiltänzer den First entlang, schaute den Vögeln hinterher, setzte sich auf den Kamin und dachte über den Sinn des Lebens nach. Zumindest machte er oft diesen Eindruck.

Rrrrrrrrrrrrr, rrrrrrrrrrrr. Fritzchen war Weltmeister im Schnurren. Er konnte vorwärts und rückwärts schnurren und ist im Laufe seines Lebens bestimmt mehrmals um die ganze Welt geschnurrt. Überhaupt war Fritzchen eine ganz besondere Katze. Auf gewisse Art und Weise war er mir so vertraut, dass ich manchmal glaubte, ihn aus einem früheren Leben zu kennen. Er lächelte wissend, wenn ich ihn danach fragte, behielt sein Geheimnis aber für sich. Eigentlich ist es ja auch nicht wichtig, redete ich mir ein. Aber ich hätte es doch gern gewusst …

Er verbrachte die ganze Nacht auf dem dicken Kissen. Eingeringelt wie ein Rollmops. Kaum lag ich im Bett, kam er auch schon angetippelt, schielte mich an, während sein steiler Schwanz zitterte, und sprang dann leichtfüßig aufs Bett. Hopste über mich drüber, hopste auf das dicke Kissen und machte dort eine kleine Trampelrunde.

Dann ging es wieder runter vom dicken Kissen. Er steckte seine Nase unter meine Bettdecke, kroch darunter, kroch bis zum Knie, kroch wieder zurück, legte seinen Kopf auf meinen Arm und leckte mit seiner Schleifpapier-Zunge meinen Arm ab. Dann stand er wieder auf und tapste zu dem dicken Kissen. Dieses Ritual wurde streng eingehalten. Täglich. Auf dem dicken Kissen blieb er schließlich liegen. Direkt neben meinem Gesicht. Sein Fell kitzelte meine Nase.

So gegen sechs hatte er genug geschlafen. Nun musste er nachsehen, ob noch alles da ist. Es war immer wieder noch alles da. Auch auf dem Dach. Auch auf den Nachbar-Balkonen. Nach der morgendlichen Inspektion kam er wieder ins Bett. Aber diesmal legte er sich nicht auf das dicke Kissen, sondern ans Fußende. Jeden Morgen. Konsequent. Dösend aber aufmerksam hat dort er gewartet, bis ich endlich aufstehe. Und das konnte dauern. Mann-oh-Mann. Das konnte manchmal bis zwölf Uhr dauern. Aber Fritz hatte die Ruhe weg. Er hatte Vertrauen. Grenzenloses Vertrauen.

Endlich. Sie steht auf! Fritzchen hob den Kopf.

Der Vorhang war das Signal. Wenn ich ihn aufzog, gab es ein paar Sekunden später was zu futtern. Zuversichtlich tippelte er vor mir her, in Richtung Küche. »Oh, nix mehr da, Fritzchen«, sagte ich und er verstand. Denn sofort machte er kehrt und rannte in Richtung Vorratskammer. Schaute dabei aber immer kurz zurück, ob ich auch nachkam.

»Hühnchen gibt’s heute.« Ich las ihm vor, was auf dem Etikett stand und winkte mit der Dose.

Freudig erregt hoppelte er eines Tages wieder in Richtung Küche. Sein Hängebäuchlein schwang von einer Seite zur anderen. Und dabei ist es mir aufgefallen. Es ist viele Jahre her. Während sein Bauch so hin und her pendelte, ist es mir aufgefallen. Ganz plötzlich habe ich es gewusst: Ich liebe ihn.

Katzenbuch


Die Geschichte stammt aus meinem ersten Katzenbuch: Auf leisen Sohlen

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